Unfreiwilliger Selbstversuch in einem indischen Krankenhaus

Nach einem Schlaganfall während einer Indienreise Ende Juli 2015 musste COMTOUR-Geschäftsführer Hans-Jörg Hussong im südindischen Madurai ein Woche lang im dortigen Apollo-Hospital behandelt werden. Hier sein Bericht.

Entmündigt

Eigentlich geht es mir gut. Wenn ich sitze oder liege. Ich liege. Auf der Intensivstation des Apollo-Hospitals in Madurai, Südindien. Und hänge am Tropf. Vor zwei Stunden habe ich mich auf Drängen meiner Mitreisenden dort vorgestellt. Ich sollte abchecken lassen, wieso ich seit einigen Tagen Artikulationsprobleme habe und unsicher laufe.

Es geht alles ganz schnell und zunächst formlos. Nach den ersten kurzen Tests, tippt der Notarzt, dass ich einen Schlaganfall hatte. Ein MRT wird angeordnet. Also ab in die Röhre. Wenig später ist klar, die Vermutung war richtig. Es sei wohl alles nicht so schlimm, wahrscheinlich könne ich morgen das Krankenhaus schon wieder verlassen und die Reise wie geplant fortsetzen. Aber die Nacht müsse ich auf der Intensivstation verbringen.

Die Klamotten, Mobiltelefon, Uhr und Schuhe werden mir abgenommen und ich in dem dünnen Krankenhaushemdchen (Modell Arsch offen) auf die Liege gepackt und zur ICU (Intensive Care Unit) gerollt. Konstanze, meine langjährige Lebensgefährtin, kann und soll mit. Es wird erwartet, dass sie die ganze Nacht über auf dem Flur ausharrt. Nur mit Mühe kann sie die Ärztin überzeugen, dass sie noch ihre Sachen aus dem Hotel holen muss und mit den Mitreisenden, darunter mein Sohn Dominique, den weiteren Verlauf der Reise absprechen muss.

Ihr hat man reinen Wein eingeschenkt und klar gemacht, dass ich morgen das Krankenhaus auf keinen Fall verlassen kann. Als Patient bin ich offensichtlich entmündigt. Das Pflegepersonal ist nett zu mir, aber gibt mir keine Information.

Nach langem Hin und Her darf Konstanze das Krankenhaus für wenige Stunden verlassen, wenn sie verspricht, morgen früh um sechs Uhr wieder aufzutauchen.

Das Apollo-Hospital in Madurai gehört zu einer Kette, die mittlerweile 65 private Krankenhäuser in Indien betreibt. Inzwischen gibt es fast in jeder größeren Stadt Indiens sehr gute Krankenhäuser. Die Versorgung ist auf internationalen Niveau, die Kosten dagegen äußerst gering.

Erinnerung an einen Massenmörder

Und ich hänge am Tropf und versuche, zu schlafen. Wie soll das gehen? Auf der Station ist es taghell, dauernd ertönt irgendein Alarm, das Kissen ist für meine bevorzugte Schlafhaltung zu voluminös. In dem dünnen Anstaltshemd ist mir kalt, die Verkabelung mit dem Herzmonitor und der Venen-Kanüle mit dem Tropf lässt kein Drehen oder Wenden zu. Wenn ich dann doch einmal fast eingeschlafen bin, zetert Veeranpan hinter dem Vorhang im Nachbarbett.

 

Veerappan, so habe ich den Nachbarn für mich genannt, seiner rauhen und böse klingenden Stimme wegen. Veerappan – nach dem berüchtigten Räuberhauptmann und vielfachen Polizisten-Mörder, der noch bis zum Beginn des Jahrtausends im Grenzgebiet von Tamil Nadu, Karnataka und Kerala für Angst und Schrecken sorgte, ehe er 2004 in einem Feuergefecht mit der Polizei umkam. Insgesamt gingen184 Morde auf dein Konto.

Im November 2000 traf ich während einer Ayurveda-Kur in Mysore den südindischen Filmstar Rajkumar, der sich gerade von einer 109 Tage währenden Geiselnahme durch Veerappan erholen wollte. Rajkumar hatte mir Veerappan beschrieben und dabei einen buschigen Schnurr- und Backenbart als wichtiges Erkennungsmerkmal genannt. Der Schauspieler konnte auch die Stimme des Verbrechers nachmachen. Und genau daran erinnerte mich das Lamento meines Bettnachbarn. Weil er Tamil sprach, konnte ich zwar nichts verstehen, aber sein Tonfall machte klar, dass er die Sisters, die Krankenschwestern, anschrie und rüde beschimpfte.

Irgendwann platzt mir der Kragen, als mich sein Geschrei mal wieder aus dem Halbschlaf aufschreckt: Auf Deutsch poltere ich los: Gib endlich Ruhe, du Jammerlappen. Die Reaktion überrascht mich. Mit einem leisen Stimmchen piepst er: Sorry Sir, sorry Sir.
Aber die Ruhe hält nicht lange vor. Bald kreischt er wieder los.  Und noch schlimmer. Er kann wohl seinen Stuhl nicht halten. Ich höre ihn furzen und offensichtlich ist dabei auch mehr als Luft heraus gekommen. Jedenfalls stinkt es erbärmlich nach Scheiße. Als die Schwestern beim Saubermachen den Vorhang zum Nachbarbett etwas lüften, erhasche ich einen Blick auf den Kerl und sehe seinen buschigen Schnurrbart. Aber der wahre Veerappan ist ja nachweislich tot.

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Fahndungsfoto des echten Veerappan. Seine kriminelle Karriere begann der Bandit als Wilderer und Sandelholzschmuggler und verübte seinen ersten Mord schon als 17-jähriger. Später verlegte er sich auf Entführungen und Erpressungen. Insgeamt sollen 184 Morde auf sein Konto gehen. Polizisten aus drei indischen Bundesländern machten Jagd auf ihn, scheiterten aber immer wieder an Kompetenz-Streitigkeiten. Erst am 18. Oktober 2004 geriet er in einen lange geplanten Hinterhalt der Polizei und wurde in einem Feuergefecht erschossen. Veerappan wurde 52 Jahre alt.

Unter Druck

Ich bin wohl ein angenehmer Patient. Die Schwestern meinen es gut mit mir. Und wenn ich die drei Worte Tamil, die ich kenne, verwende, freuen sie sich tierisch und bringen mir weitere Worte bei. Ich versuche mir alles zu merken und mich auch an ihre Namen zu erinnern. Schließlich will ich beweisen, dass bei mir alles in Ordnung ist, ich will das Krankenhaus so schnell wie möglich verlassen.

Inzwischen erhöht sich der Druck auf meine Blase. Ich verweigere zwar Tee und andere Getränke, aber ich nehme ja durch den Tropf reichlich Flüssigkeit auf. Nach mehrfachen Bitten, begleitet mich endlich ein Pfleger zur Toilette. Selten habe ich mich so erleichtert gefühlt.

Diese Nacht geht schließlich auch zu Ende. Gegen acht bringt man mir mein eigenes kleines Kissen. Konstanze hat es offensichtlich gebracht. Sie darf mich kurz sehen. Ich erfahre, dass der Neurologe der Klinik noch einige Tests machen will, um zu entscheiden wie es weitergeht.  Ich bin offensichtlich ein Exot in der Klinik. Ein Arzt nach dem anderen schaut nach mir, fragt die Schwestern, wie es mir geht, studiert meine Akte. Einige führen mich ihren Studenten vor. Endlich, so gegen zehn Uhr, kommt auch Dr. Karthik, der Neurologe. Er ist der erste, der mich persönlich anspricht. Meine Hoffnung, gleich wieder entlassen zu werden, dämpft er allerdings. Ich kann zwar im Laufe des Tages die Intensiv-Station verlassen, muss aber im Krankenhaus bleiben. Man bereite schon ein Zimmer für mich vor. Wenn sein Kollege von der Kardiologie nichts dagegen habe, könne ich aber morgen das Krankenhaus verlassen.

Nach diesem Bescheid entscheidet Konstanze, ein Zimmer in einem benachbarten Hotel zu buchen. Inzwischen warte ich. Und muss dringend aufs Klo. Ein Arzt dem ich meine Not klage, empfiehlt mir, mich im Bett zu erleichtern. Die Schwestern würden die Schweinerei wieder  wegmachen. No way – auf gar keinen Fall. Lieber platze ich.

Gegen 12.30 Uhr ist mein Zimmer endlich fertig, ich werde auf die Transportliege verfrachtet. Doch als wir auf dem Warteflur ankommen, stellt sich heraus, dass Konstanze das Krankenhaus verlassen hat, um ihre Sachen zum Hotel zu schaffen. Sie wird erst um 17 Uhr zum Beginn der Besuchszeit wiederkommen. So haben wir es abgesprochen. Wie konnten wir auch ahnen, dass der Transfer ohne sie nicht vorgenommen werden darf. Ich muss immer noch aufs Klo. Ich soll  warten, bis ich auf meinem Zimmer bin. Unmöglich, ich platze gleich, und jetzt will man mich auch wieder an den Tropf hängen. Zum zweiten Mal werde ich laut: lasst mich endlich pinkeln, schreie ich erst auf Englisch, dann auf Deutsch. Endlich wird ein Pfleger aufgetrieben, der mich zur Toilette begleitet.

Unter Aufsicht

Es dauert tatsächlich noch vier Stunden, ehe Konstanze und mein Sohn Dominique kommen und ich endlich auf mein Zimmer gebracht werde. Es ist zwar etwas sehr schlicht und das Bad wirkt schmuddelig, ist aber tatsächlich sauber nur nicht ganz neu. Es gibt außer dem Bett eine schmale Pritsche, eher eine Bank für die Besucher und einen Fernseher. Nach und nach schauen alle Schwestern der Station, jeweils so an die 15 pro Schicht, herein, um nach mir zu schauen. Manche der meist recht kleinen Mädchen scheinen sich aber eher für meinen 19-jährigen Filius, einen 190er-Kerl, zu interessieren. Solch ein Riese macht wohl riesigen Eindruck.

Ich bitte Dominique, mit den Mitreisenden weiter zu fahren und mich ein wenig zu vertreten. Kaum hat er sich verabschiedet, taucht ein anderer Besucher auf: Mein alter Freund V.K. Soman, Chef unserer südindischen Partneragentur COMINDIA hat es sich nicht nehmen lassen und ist aus dem sieben Autostunden entfernten Trichur herbeigeeilt, um bei mir zu sein. Auch er hat sich in einem Hotel gegenüber eingemietet. Das wäre doch nicht nötig gewesen, aber er lässt keinen Einwand gelten.

Irgendwann teilt uns eine Schwester mit, um 21 Uhr sei die Besuchszeit zu Ende.

Soman und Konstanze verabschieden sich entsprechend. Doch wenige Minuten taucht Konstanze wieder auf. Sie könne nicht einfach so gehen, es müsse immer jemand bei mir sein. Tag und Nacht. Also versucht sie, mehr schlecht als recht auf der schmalen Pritsche etwas Ruhe zu finden. Immer bereit, zu lauschen, ob mit mir alles in Ordnung ist. In dieser Nacht schlafe ich zumindest etwas besser als in der vorigen, wenn ich auch mehrfach die Nachtschwestern rufen muss, um mich vom Tropf abzukoppeln, wenn ich wieder mal muss.

Mein Einzelzimmer im Apollo-Krankenhaus. Mindesten zweimal täglich kommt die Putzkolonne zum Reinigen von Zimmer und Bad.

Das Herz ist stabil, aber…

Aber die Nacht ist um halb fünf Uhr schon zu Ende. Dann wird der „Vampir“ aktiv und saugt mir jede Menge Blut ab, für die unterschiedlichsten Analysen. Dann wird die Bettwäsche gewechselt, auch der Bezug der Besucher-Pritsche. Ich absolviere inzwischen eine „betreute Körperpflege“.

Dann kommt auch schon das Frühstück, zum Glück die südindische Variante mit Idli, Sambar (einer Art Linsensuppe) und Chutney. Ich hasse nämlich das sogenannte Continental Breakfast mit lapprigem Toast, pappsüßer Konfitüre und schleimigem Porrigde. Auch die nordindische Frühstücksvariante mit fettigen Puri gehört nicht zu meinen Leibspeisen. Zum Glück gibt’s also südindisch und zwar so reichlich, dass auch Konstanze etwas abkriegt.

Kurz nach sieben kommt die Wachablösung: Soman. Konstanze kann zum Hotel gehen und dort eine Mütze Schlaf nachholen. Ich warte auf den Kardiologen, der soll seine Zustimmung zu meiner baldigen Entlassung geben. Gegen elf taucht er endlich auf. Doch seine Untersuchung scheint mit eher oberflächlich. Den Befund teilt er nicht mir, sondern Soman mit. Das Herz ist stark. Kein Wort zum weiteren Vorgehen. Gegen Mittag kommt Dr. Karthik, der Neurologe. Sein Urteil ist gnadenlos. Eine baldige Entlassung soll ich mir abschminken. Frühestens nach einer Woche sei ich stabil genug, um die Klinik zu verlassen.

Meinen Gegenvorschlag stattdessen im milden Bergland von Kurumba bei Ooty zu relaxen, lehnt er rundweg ab. Ich müsse in unmittelbarer Nähe einer guten Klinik bleiben. Ich hätte schließlich mehr Glück als Verstand gehabt.

Diese Botschaft schmeckt mir gar nicht. Unvorstellbar, hier eine ganze Woche lang eingesperrt zu sein. Und dabei soll ich mich erholen? Das ist doch purer Stress! Konstanze und Soman geben dem Arzt Recht. Dabei bedeutet das auch für sie Isolationshaft oder zumindest eingeschränkte Bewegungsfreiheit zwischen Klinik und Hotel.

Ich bin ein Fan der südindischen Küche und komme hier auf meine Kosten: Morgens, mittags und Abends. Ich könnte auch die nordindische Variante wählen oder auch die sogenannte kontinentale. Aber die aus europäischen Indien-Restaurants bekannte nordindischen Gerichte sind nicht mein Fall, Toast und Porrige schon gar nicht. Außerdem muß und will ich Gewicht verlieren. Da sind die leichten südindischen Mahlzeiten genau richtig.

Stoffwechsel

Es gibt im Krankenzimmer zwar ein Fenster, aber das ist mit seiner Drahtglas-Scheibe nicht durchsichtig. Öffnen kann man es bei Außentemperaturen von fast 35 Grad Celsius immer nur wenige Minuten. Der Ausblick auf einen Innenhof des Klinik-Geländes ist sowieso eher bescheiden.

Mir bleibt aber nichts übrig, als mich in mein Schicksal zu fügen.

Am Abend beunruhigt eine Information zum Thema Stoffwechsel mich erstmals richtig. Ob meine Verdauung regelmäßig sei? Ich bejahe. Wenn ich müsse, dürfe ich auf keinen Fall drücken. Das bewirke einen zu großen Druck auf das Hirn und sei sehr gefährlich. Wenig später habe ich den Eindruck, dass ein Stuhlgang tatsächlich dringlich sei. Der Druck ist da, aber nichts will kommen. Wie soll das gehen, ohne zu drücken? Ich versuche, sanft zu pressen. Nichts, höchstens heiße Luft.

Es folgt eine unruhige Nacht. Die Unterlippe fühlt sich plötzlich pelzig an. Habe ich doch zu stark gedrückt?

Ursachenforschung

Ich glaube jetzt doch an den Schlaganfall. Bisher habe ich das Unwohlsein auf die Hitze der letzten Tage zurückgeführt, obwohl ich ja sonst kaum hitzeempfindlich bin. Ich grüble darüber nach, was die Ursache sein könnte. Klar, die letzten Wochen und Monate waren schon ziemlich stressig. Aber normalerweise komme ich in Indien schnell runter.

Erste Anzeichen? Ja, vor vier Tagen in Mamallapuram. Tagsüber ausführliche Besichtigungen der lokalen Sehenswürdigkeiten. Vor dem Abendessen hatte ich mich mit meinem Saxophon zu zwei blinden Musikern gesellt und mit ihnen nach einem gemeinsamen musikalischen Nenner gesucht. Nicht besonders anstrengend und auch nicht besonders erfolgreich. Die Kollegen sind doch sehr festgefahren in ihren Strukturen. Obwohl ich mich ihnen anpasse, fühlen sie sich durch den ihnen fremden Klang des Saxophons irritiert. Sie hatten ja keine Ahnung, wie so ein Instrument aussehen mag. Ich ließ sie es mit den Fingern erfühlen.

Danach gab‘s ein Abendessen mit Steve Borgia, dem Besitzer in der Indeco Hotels in Mamallapuram und Swamimalai und indischer Vertreter der internationalen UNESCO-Kommission, die über den Status der UNESCO-Weltkulturerbestätten befindet. Steve ist ein langjähriger Freund, wir haben schon vor fast 20 Jahren über Kriterien für einen nachhaltigen Tourismus diskutiert. Auch an diesem Abend gab es wieder einen leidenschaftlichen Gedankenaustausch mit dem engagierten Indologen, Schriftsteller und Kulturpolitiker. Irgendwann bei diesem Gespräch hatte ich erstmals Artikulationsschwierigkeiten bei mir festgestellt, sie jedoch auf meine Müdigkeit und den Bierkonsum (dabei war es nur eins) zurückgeführt. Ebenso wie die Schwankungen beim Rückweg zum Zimmer.

Am nächsten Tag bei der Weiterfahrt nach Pondicherry schien alles wieder in Ordnung. Bei einem Bummel in der Mittagshitze durch das französische Viertel spürte ich Schwindel, was sich aber legte, sobald ich den Schatten eines Strandcafes bei einem großen Lime-Soda genoss. Auch am nächsten Tag keine Problem bei der Stadtbesichtigung, dem Ausflug nach Auroville, einem Friseurbesuch und bei einem opulenten Seafood-Menue mit Wein.

Über Gangaicholapuram ging es am folgen Tag nach Swamimalai weiter. Auch hier beim Abendprogramm mit Ochsenwagen-Tour und Dinner keine Ausfall-Erscheinungen. Tags drauf beim Ausflug nach Thanjavur mit Besuch im Tempel und Palast, fühlte ich mich aber doch ziemlich schlapp. Vor allem das Barfuß-Gehen auf den fast glühend heißen Steinen schaffte mich doch ziemlich. Aber auch das empfand ich noch als normal.

Abends dann wieder eine interkulturelle Begegnung mit indischen Musikern. Auch diesmal fühlte ich mit meinem Saxophon eher als Fremdkörper und zog mich nach dem vierten Stück dezent zurück. Auch bei der Diskussion beim Abendessen hielt ich mich zurück: Artikulationsprobeme. Auf dem Weg zum Zimmer dann akute Gleichgewichtsstörungen. Konstanze und Dominique schleppten mich mit vereinten Kräften zum Bett. – Sofort ins Krankenhaus! Auf keinen Fall! – Morgen sollte es doch nach Madurai weitergehen.

Meine letzte musikalische Begegnung vor dem Krankenhaus-Aufenthalt hatte ich am Abend zuvor mit zwei indischen Musikern auf der Bühne des Anandham Swamimalai bei einer Session. Die Kollegen irritierte offensichtlich der ihnen doch fremde Klang des Saxophons, so dass ich mich nach wenigen Stücken zurückzog.

Schreibblokade

Frühstück ohne Problem. Dann sollte ich meinen Kommentar ins Gästebuch schreiben. Den Text hatte ich schon formuliert, aber dann konnte die Hand den Stift nicht ordentlich führen: ein unleserliches Gekrakel ist das Ergebnis. Ich musste meinem Sohn diktieren. Jetzt war mir klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber bis zur nächsten Station musste ich es noch schaffen. Die Weiterfahrt im Kleinbus verlief auch ohne Probleme. Doch jetzt insistierten die Mitreisenden. In Madurai sollte ich mich gleich im Krankenhaus abchecken lassen. Also gut.

Ein Arzt auf zwei Betten

Damit begann meine Bekanntschaft mit dem Apollo-Hospital in Madurai und jetzt liege ich hier, grüble ich, wie es dazu kommen konnte. Die Apollo-Kette wurde 1971 in der südindischen Metropole Chennai (Madras) gegründet und betreibt jetzt 65 hochmoderne Krankenhäuser in ganz Indien. Insgesamt 10000 Betten stehen zur Verfügung. Rund halb so viele Ärzte und etwa zehnmal so viel Schwestern und Pfleger kümmern sich um die Patienten. Ich bin also bestens versorgt. Mache mir aber trotzdem Sorgen.

Denksport

Funktioniert mein Gehirn noch richtig? Ich stelle mir knifflige Denksport- und Rechenaufgaben, krame Geschichtsdaten hervor, rezitiere im Geiste lateinische Hexameter und klassische deutsche Gedichte „wer reitet so spät durch Nacht und Wind“, „bedecke Deinen Himmel Zeus“, „über allen Gipfeln ist Ruh“. Es ist erstaunlich, was aus der über 50 Jahre zurückliegenden Schulzeit tatsächlich noch hängen geblieben ist.

Verschärfung der Übungen. Wie sieht es mit dem musikalischen Gedächtnis aus? Kompositionen von Bach aber auch von Charlie Parker, Miles Davis und Benny Golson – alles noch da. Aber die bange Frage bleibt: kann und darf ich je wieder Saxophon spielen?

Über diesen Gedanken muss ich doch irgendwann eingeschlafen sein. Als mich gegen sechs der Bursche weckt, um die Bettwäsche zu wechseln, bin ich richtig benommen und spüre verstärkte Sprachschwierigkeiten. Lass das nur den Arzt nicht merken, sonst verlängert er die Krankenhaushaft, nehme ich mir vor.

Ich bin sicher, Dr. Karthik hat es gemerkt, schätzt es wohl aber als Teil des Heilungsprozesses, ein. Er fragt, ob ich noch sauer sei. Ich verneine und sage dass ich mich mit meiner Lage abgefunden habe. Er ist zufrieden und verspricht, mir bei der Entlassung ein Geschenk zu machen. Am Nachmittag schlafe ich drei Stunden am Stück. Danach fühle ich mich topfit, die Sprechprobleme haben deutlich nachgelassen.

Aufgaben-Teilung
Noch vier Tage. Ziemlich langweilig. Fernsehgucken mag ich nicht, das Buch, das ich dabei habe (Spiegel-Bestseller „Die Ländersammlerin“), ist so schlecht, dass ich mich meist mehr darüber aufrege als unterhalte. Für Abwechslung sorgen lediglich die verschiedenen Dienstleister, die so im Laufe des Tages auftauchen. Denn die Schwestern kümmern sich nur um die Pflege. Alle anderen Arbeiten werden von zusätzlichem Personal erledigt. Ein Spezialist nimmt die Blutproben, eine Putzkolonne reinigt täglich zwei bis dreimal Zimmer und Bad, jeweils erst trocken, dann feucht. Danach kommt ein Mann, der Bad und Waschbecken desinfiziert.

Ein Zeitungsbote liefert die neuesten Nachrichten, zuerst eine Ausgabe in der mir nicht verständlichen Landessprache und Schrift Tamil, dann als er sieht, dass ich Ausländer bin, ohne weitere Aufforderung, eine englischsprachige Ausgabe. Ein Mitarbeiter der Kantine nimmt Essenswünsche entgegen und liefert das Bestellt auch prompt zu den Essenszeiten. Kaffee, Tee, Milch oder Saft kann man zusätzlich gegen kleines Geld bestellen, sofern es der Diätplant erlaubt.

Zwischendurch erkundigt sich ein Techniker, ob der Fernseher in Ordnung sei und zwei bis dreimal fragen Gäste-Betreuer nach dem Befinden und besonderen Wünschen. Auch die Finanzabteilung meldet sich. Konstanze muss mit der Kreditkarte mehrere Abschlagszahlungen leisten. Detailgenaue Abrechnungen zur Abrechnung bei der Krankenversicherungen will man uns selbstverständlich am Ende des Aufenthaltes aushändigen.

Erste Schritte

Wenn ich mal gerade nicht am Tropf hänge, wage ich in Begleitung von Konstanze eine Spaziergang über den Flur der Abteilung und erhasche dabei auch den einen oder anderen Blick in die anderen Krankenzimmer. In allen befinden tatsächlich neben den Patienten auch sogenannte „Bystander“, Angehörige. Alle grüßen uns freundlich und fragen wohl nach meinem Befinden, nur wenige sprechen ein paar Brocken Englisch, freuen sich aber königlich, wenn ich ob richtig oder falsch Kostproben meines im Gespräch mit Schwestern neu erworbenen tamilischen Wortschatzes zum Besten gebe.

Neben den Bystanders sind oft noch weitere Angehörige, meist Frauen, im Krankenhaus vor Ort. Sie hocken auf dem Boden vor den Zimmern, schlafen wohl auch hier. Wahrscheinlich ist der Weg zwischen Krankenhaus und Wohnung zu weit. Am Ende eines Seitenflurs finden wir ein Fenster, das mir einen ersten Blick ins Freie erlaubt. Auf einen fast ausgetrockneten See. In der Ferne entdecke ich eine Kuh und einige Menschen, die auf den Feldern hantieren. Immerhin eine Abwechslung von den kargen Zimmerwänden.

Ich bin mit meinem Einzelzimmer gut bedient. Es geht aber wohl noch besser. Der Eingangsbereich zu einer Platinum-Abteilung erinnert an das Ambiente eines Superluxushotels. Aber während meines Aufenthaltes sehe ich auf dem Flur des Krankenhauses niemanden. Den Schwestern ist wohl nicht geheuer, dass wir gelegentlich durch die Gänge strolchen. Sie verpassen mir ein Armband aus reißfestem Papier, auf dem alle meinen Daten vermerkt sind: Name, Geburtstag, Patientennummer, Zimmernummer. Damit man mich zuordnen kann, wenn ich mich verlaufe.

Bei den Spaziergängen begegne ich immer wieder einem überaus freundlichen, kleinen, alten Mann. Keiner versteht die Sprache des anderen, doch unterhalten wir uns prächtig mit Händen und Füßen. Er hat schon gehört, dass ich bald entlassen werde und wünscht mir, immer wenn wir uns treffen, viel Glück.

Die Schwestern versorgen mich rund um die Uhr. Sie freuen sich, wenn sie mir helfen können, meinen dürftigen Wortschatz der tamilischen Sprache zu erweitern. Besonders stolz sind wie, wenn ich mich an ihre Namen erinnere und wenn ich noch weiß, von wo sie stammen. Dabei kommt mir zugute, dass ich in den letzten 35 Jahren doch schon viel von Indien gesehen habe und dabei auch in entlegeren Orten war.

Geschenk mit Geschichte

Inzwischen ist Sonntag, der sechste Tag, seit meiner Einlieferung. Irgendwie ist die Zeit, die mir zunächst endlos schien doch rumgegangen. Dr. Karthik kommt heute schon am Vormittag. Und tatsächlich hat er mir ein Geschenk mitgebracht: eine uralte Münze aus der Zeit des Chola- Herrschers Raja Raja, des Königs der Könige, dessen Dynastie vor über 1000 Jahren weite Teile Südindiens von Orisssa bis nach Sri Lanka beherrschte. Auf die Rückseite seiner Visitenkarte hat der Doktor eine Widmung geschrieben: „Für einen Deutschen mit indischem Herzen.“

Meine Leidenschaft für Indien macht ihn stolz. Morgen will er die Entlassungspapiere unterscheiben. Ab jetzt zähle ich die Stunden. Die Zeit zieht sich von jetzt an wieder. Wenn die Entlassung noch morgen am Vormittag klappt, könnten wir es noch über die Grenze nach Kerala schaffen. Denn für übermorgen haben konservative Hindus einen Generalstreik mit Sperrung aller Überlandstraßen angedroht, um für ein landesweites Alkoholverbot zu demonstrieren.

Die Nachtschwester Sugayandini aus Sri Lanka, die mich seit ein paar Tagen besonders betreut, ist skeptisch, dass das klappt. Sie weiß, dass es nach der Abschluss-Visite mindestens vier Stunden dauert, ehe die Entlassungspapiere fertig sind. An den Tropf muss ich heute nicht mehr. Die Kanüle bleibt aber, denn dadurch werden mir noch einige Spritzen verabreicht.

Abrechnung

Als sich die Nachtschicht am nächsten moren persönlich verabschiedet, ist klar: jetzt komme ich bald raus. Als Vorbote von Dr. Karthik wiederholt der Assistenzarzt Dr. Azarudeen die gute Nachricht. Dr. Azarudeen ist noch recht jung, scheint aber kompetent. Studiert hat er weitgehend in Wolgograd und spricht neben Russisch auch ganz gut Englisch. Er ordnet an, dass die Kanüle entfernt wird. Um Schlag 12 Uhr mittags endlich kommt Dr. Karthik, um sich zu verabschieden. Es ist klar: heute kommen wir nicht mehr weiter. Nach drei Stunden endlich wird mir die Abschluss-Dokumentation und die Abrechnung überreicht. Dazu Medikamente für zwei weitere Wochen. Als wir später in Deutschland die Kreditkarten-Abrechnung sehen, zeigt sich, dass der ganze „Spaß“, inklusive Aufenthalt MRT, Medikamenten etc. gerade mal knapp 1000 € gekostet hat.

Gute Geister: Mein Freunde V.K.Soman (links) hat sich nicht davon abhalten lassen aus seinemsieben Autostunden entfernten Altersruhesitz bei Trichur herbei zu eilen und die Woche am Krankenbett Wache zu schieben. Dr. Karthik (rechts) versorgt mich so gut, dass meine deutschen Ärzte sagen, sie hätten es auch nicht qnders gemacht.

Endlich frei

Wir ziehen ins „Lakeview Hotel“ gegenüber um, wo sich Konstanze und Soman in den letzten Tagen abwechseln von ihrem Pflegedienst erholt haben. Sofort stürme ich auf den Balkon und sauge gierig Alltagseindrücke ein. Straßenverkehr, Menschen, Tiere. Es tut so gut, nach der sterilen Krankenhaus-Atmosphäre der letzten Tage indisches Chaos zu sehen. Aber ich bin schon wieder müde. Nach einem bescheidenen Abendessen im Hotelrestaurant will ich nur noch schlafen. Morgen früh wollen wir in aller Frühe weiterfahren, damit wir auf dem Weg zur Grenze nach Kerala nicht doch noch in eine Straßensperre der Alkoholgegner geraten.

Abfahrt pünktlich um 5:30 Uhr am nächsten Morgen. Die Straßen sind schon gut voll. Ob es nur wegen des bevorstehenden Streiks so ist? Somans Fahrer Pradeep lässt sich nicht beirren und steuert den Innova sicher durch das Gewimmel. Sieben Stunden Fahrt liegen vor uns.

In Kumbum, gut 20 Kilometer vor der Grenze, halten wir an. Soman will noch Gemüse kaufen. Das ist hier viel billiger als in Kerala. Ich bleibe im Wagen und beobachte das Treiben ringsum. In der Nähe muss eine Schule sein. Dutzende von Mädchen in Schuluniformen ziehen vorbei. Wenn sie den Ausländer erblicken, packen sie ihre Schulenglisch aus und grüßen begeistert: Hello Sir, where do you come from. Oh Germany. How do you like my India?

Gegenüber zerteilt ein muslimischer Metzger eine enthäutete Ziege zu einer Hackfleisch/Knochenmischung. Den Kunden scheint es egal, von welchem Stück des Tieres sie ein Curry zubereiten. Ein Obsthändler kommt zum Auto und schenkt mir eine Handvoll duftender Guaven. Als ich frage, was die kosten, schüttelt er fast empört der Kopf. „Present for my friend from Germany!“ Ausländer verschlägt es eher selten in diese Gegend.

In Kumily am Peryar-See haben wir den Scheitel der Nilgiri-Berge und die Grenze nach Kerala erreicht. Von jetzt an führt die Straße stetig bergab, abwechseln in engen Kurven durch dichten Urwald und Teeplantagen. Ich neige dazu, seekrank zu werden und jetzt wird mir auch schon etwas mulmig. Aber auch das geht einigermaßen erträglich ab. I

n der Ebene fahren wir durchs Kuttad, Keralas Reisschüssel mit endlosen Reisfeldern, auf denen sich ein pittoreskes Bild bietet: In langen Reihen waten Arbeiterinnen durch den Reis und jäten unerwünschte Gräser zwischen den Nutzpflanzen – eine photogene Knochenarbeit. Dann die ersten Backwaters und nach exakt sieben Stunden erreichen wir das Marari Beach Resort an der Küste von Kerala. Die traumhafte Hotelanlage ist ideal für einen Rekonvaleszenten. Hier kann ich vor der Rückreise entspannen, vor allem weil sich jetzt herausstellt, dass mein alter Freund Subrahmaniam jetzt hier der Generalmanager ist.

Eine Woche später bin ich wieder in Deutschland und lasse mir von meinen Ärzten bestätigen, was ich schon wusste. Dass die Kollegen in Madurai alles richtig gemacht haben.

Auf dem Weg zur Küste von Kerala kamen wir durch das Kuttanad, die sogenannte „Reisschüssel“ der Region. Die sattgrüne Landschaft ist eine Erholung für meine Agend, die eine Woche lang kaum mehr als leere Wände gesehen habe.

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