Mal wieder ein ungewollter Aufenthalt in einem indischen Krankenhaus

Ein Imbiss auf der Dachterrasse des Sea Palace Hotels sollte der gemütliche Ausklang eines sonntäglichen Ausflugs in die koloniale Altstadt von Bombay rund um das Gateway of India werden. Wir hatten am Tag nach meinem 71. Geburtstag das rege Treiben und die Touristenmassen im Süden der indischen Metropole buchstäblich unter uns gelassen und schlürften nun ein kühles Kingfisher aus gewöhnungsbedürftigen Humpen. Eine Art Marmeladenglas mit Schraubverschluss und Henkel scheint der letzte Schrei der Kneipenszene zu sein.

Die Sonne ging langsam jenseits des benachbarten Radioclubs unter und die Kähne unten am Apollo Bunder schaukelten in einer leichten Brise. Meine Gedanken gingen zwei Jahre zurück, als ich fast in der selben Konstellation, mit meinem Freund Parvish und dessen Kindern genau hier einen netten Abend verbracht hatte. Diesmal war aber meine Konstanze nicht mehr dabei, umso dankbarer war ich, dass meine Sohn Dominique an meiner Seite war.

Minuten vor dem Kollaps
Minuten vor dem Kollaps

Parvish und Dominique waren in eine angeregte Diskussion verwickelt, der ich aber nur Kurze Zeit einigermaßen folgte. Urplötzlich hatte mich ein leichtes Unwohlsein erfasst und mir schwindelte. Kurz darauf fand ich mich auf dem Boden wieder. Ein Arzt, der wohl am Nebentisch  gespeist hatte, fühlte meinen Puls. Mein Sohn und meine Freunde hatten wohl gemerkt, dass ich vom Stuhl zu kippen drohte, und hatten mich rechtzeitig aufgefangen. Ich fühlte mich sofort wieder topfit und wollte sie beruhigen. „Keine Sorge, mit mir ist alles Okay“.

Ich sei eiskalt gewesen, als ich auf dem Boden gelegen habe, sagte man mir. Dominique wurde deutlicher: „Du hast Dich eingenässt!“ Ich wollte mich empört gegen ein solche Behauptung verwehren, ließ das aber, weil mich ein Griff in den Schritt von der Wahrheit seiner Aussage überzeugt hatte. Beschämt stimmte ich zu, mich in einer Klinik kurz durchchecken zu lassen.

Das Krankenhaus der Wahl war die Nanavati-Klinik im Stadtteil Ville Parle, nicht allzu weit von der Wohnung unserer Freunde in Andheri entfernt. Nachdem ich vor etwas mehr als drei Jahren nach einem Schlaganfall in südindischen Madurai bereits sehr gute Erfahrungen mit dem dortigen Apollo-Hospital gemacht hatte, war ich umso mehr überrascht, dass Ausstattung und Qualität in dieser Klinik noch deutlich getoppt wurden.

Nach der Vorstellung in der Notaufnahme folgten die Untersuchungen – es war mittlerweile fast 22:00 Uhr – wie am Schnürchen: Blutdruck, EKG, Pulsfrequenz und dann ab in die Röhre zum MRT. Befund: auf den ersten Blick alles OK. Aber die Hoffnung, gleich wieder entlassen zu werden, erfüllte sich nicht. Eine Nacht solle ich auf der Intensiv-Station bleiben und morgen früh wolle der Kardiologe noch Tests machen. Ich war nicht begeistert, aber fügte mich.

Im Krankenhaus
Im Krankenhaus

An meine Nacht auf der Intensivstation hatte ich keine so tollen Erinnerungen. Siehe dazu den Blog vom 27. August 2015. Jetzt als ein Dèjá-Vue. Tatsächlich war die Station in Bombay deutlich moderner als in Madurai, die Stimmung aber ähnlich. Wieder gab es einen ständig krakeelenden Nachbarn, diesmal einen sehr alten Muslim mir gewaltigem Rauschebart, wieder fesselten mich Dauerblutdrucktests und Dauer-EKG an Bett, wieder quälte mich ständiger Harndrang. Am übernächsten Bett kämpften die Ärzte offensichtlich im Dauereinsatz um das Leben einer Patientin. Ich musste an Konstanze denken, deren letzte Atemzüge auf der Intensivstation in Essen ich vor wenig mehr als einem Jahr miterleben musste.  Wie wäre es, ihr jetzt zu folgen? Aber da ist doch Dominique, mein Sohn, dem ich noch helfen will, seinen Weg zu finden.

Als es den Ärzten neben gelang, die Frau nebenan zu retten, war ich doch froh,  noch einmal davon gekommen zu sein.

Am Nachmittag wurde ich zwar nicht aus dem Krankenhaus entlassen, aber auf ein superluxuriöses Einzelzimmer verlegt.  Sollte das heißen, dass mir doch ein längerer Aufenthalt drohte? Mehrere Tests verliefen jedoch zufriedenstellend und gegen Abend hatte ich nach längerem bürokratischen Aufwand die Entlassung-Papiere samt der MRT-Filme in der HandHand.

Die Rechnung hatte ich zuvor mit der Kreditkarte bezahlt. Meine Krankenkasse wird sich wohl kaum darüber beschweren können. Denn in Indien berechnet selbst ein Nobelkrankenhaus für ein MRT, das bei uns leicht 1000 € kostet, nur einen Bruchteil davon.

Ein Krankenhausaufenthalt ist wohl nirgendwo auf der Welt wirklich spaßig, aber ich habe bei meinen ungeplanten Selbstversuchen in Madurai und Bombay nur gute Erfahrungen gemacht.

2 Gedanken zu „Mal wieder ein ungewollter Aufenthalt in einem indischen Krankenhaus“

  1. Lieber Hans-Jörg, wir sind froh, dass es dir wieder besser geht. Komm gut ins neue Jahr mit deinem Sohn und euren Freunden, und pass bitte auf Dich auf. Wir wollen dich gesund und munter beim nächsten Konzert erleben! Liebe Grüße von Bettina und Michael aus dem verregneten und knapp 6 warmen Essen.

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  2. Hallo Hans-Jörg,

    ich wünsche Ihnen noch ein gutes neues Jahr 2019 und nachdem ich den Blogbeitrag gelesen haben, vor allem viel Gesundheit!
    Ich weiß nicht, ob Sie die Kommentare hier lesen, aber ich bin froh, dass es Ihnen wieder besser geht. Ich hatte den letzten Beitrag über den Luxus-Zug gelesen, diesen hier aber nicht erhalten. Ich habe zwar schon einige Jahre nichts mehr mit Indien zu tun, aber finde Ihre Beiträge doch sehr erfrischend, vor allem habe ich vor kurzem den Vlog eines Norwegers in Indien auf YouTube entdeckt, der dort sehr direkt seine Eindrücke zeigt und schildert.
    Vielleicht schaffen wir es ja mal, uns mal wieder zu treffen, ich erinnere mich (und dies insbesondere im Dezember 2017) wie wir damals mit Konstanze Ihre selbstgemachte Pizza, die leider zu Boden ging, gegessen haben. Es war eine schöne Zeit!

    Viele Grüße und ich freue mich, mal etwas von Ihnen zu hören,

    Daniel

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