Acht Tage Indien / Tagebuchnotizen

Wie fühlt es sich an, einmal nicht als Verantwortlicher an einer Gruppenreise teilzunehmen? Sieht man mehr, wenn man vieles schon gesehen hat? Noch ein Selbstversuch. Diesmal freiwillig.

Wieder unterwegs nach Indien. Sieben Wochen nach meinem Schlaganfall in Madurai. Diesmal soll’s für ein paar Tage nach Nordindien gehen. Zu einem Destination Forum des DRV (Deutscher Reiseverband) und Deutschland führender touristischer Fachzeitung FVW in Delhi. Die indische Hauptstadt zählt nicht zu meinen Lieblingsorten in Indien. Aber ich will einmal erleben, wie Indien-Neulinge auf die erste Konfrontation mit dem Land reagieren, von dem sie in den Medien meist nur bestenfalls komische, immer wieder aber auch negative Nachrichten erfahren. Vier mögliche Vorreisen wurden den Teilnehmer, meist Reisebüroleuten, angeboten. In Südindien bin ich gerade erst kürzlich gewesen, die Tour nach Kashmir traue ich mir in meinem derzeitigen Zustand nicht zu, das sogenannte Goldene Dreieck mit Delhi, Agra, Jaipur ist mir doch etwas zu simpel. Also habe ich mich für ein Programm entschieden, das unter dem etwas zu hochtrabenden Titel Das Beste Nordindiens die Orte Agra, Orchha und Khajuraho mit Delhi verbindet. Aber was lässt sich schon in nur fünf Reisetagen mehr unterbringen? Ich bin froh, dass Konstanze mitkommen konnte. Sie hält mir den größten Stress vom Leib und übernimmt einen Großteil der Kommunikation, die mir noch etwas schwer fällt. Vor allem je später der Abend wird. So genieße ich jetzt das „betreute Reisen“ im doppelten Sinn. Privat und auch dienstlich. Denn eigentlich war ich in Indien noch nie unterwegs, ohne dass ich für Planung der Tour und die Organisation vor Ort selbst verantwortlich gewesen bin. Außerdem will ich sehen, wie es ist, Orte so zu erleben, die ich schon oft besucht habe.

Schon die Zugfahrt zum Flughafen Frankfurt hat fast etwas Nostalgisches. Seit Emirates von Düsseldorf aus via Dubai zu vielen Flughäfen in Indien startet, hat sich die Notwendigkeit einer Anreise nach Frankfurt nicht mehr ergeben. Diesmal sind wir aber auf Air India gebucht, die nur ab Frankfurt startet.

Im Zug frage ich mich jetzt allerdings mal wieder, ob die Konstrukteure der ICE-Wagons jemals per Zug zu einem Fernflug angereist sind. Es gibt kaum Platz für das Gepäck. Man muss seine Koffer durch die engen Gänge bis zur Wagenmitte zerren, um dann festzustellen, dass dort schon alles vollgestellt ist. Die seitlichen Gepäckablagen sind zu flach für großes Gepäck und zu hoch, um einen schweren Koffer ohne Hilfe hinauf zu wuchten. Beim Herunterreichen der Koffer besteht die Gefahr, Mitreisende zu erschlagen. Da lobe ich mir das Design der gewöhnlichen IC-Wagons, wo es am Eingang jedes Abteils ein Gepäck-Regal gibt.

So verbringe ich die 50 Minuten zwischen Düsseldorf und dem Frankfurter Flughafen damit, mich in meinen Ärger über die Deutsche Bahn hinein zu steigern.

Auf dem Flughafen in Frankfurt angekommen, wundere ich mich zunächst über die Naivität einiger Teilnehmer/Innen der rund 70-köpfigen DRV-Reisegruppe, mit der ich nach Delhi fliegen will. Tatsächlich haben einige – immerhin Reiseprofis – verpasst, sich um ihr Visum zu kümmern. Entweder haben sie vergessen, den Ausdruck der Visa-Bestätigung mit zum Flughafen zu bringen, oder haben den Antrag zwar abgeschickt, die Bestätigung aber nicht zur Kenntnis genommen. Im Verein mit dem Air India Bodenpersonal kümmert sich das Service-Team des DRV um das Problem, denn mitfliegen kann nur, wer beim Check-In ein gültiges Visum vorweisen kann. Am Ende können dann alle tatsächlich einchecken. Ich bezweifle, dass es bei „gewöhnlichen Sterblichen“ auch geklappt hätte. Aber immerhin scheint die berüchtigte indische Bürokratie flexibler geworden zu sein. Ich habe kürzlich sogar erlebt, dass ein Kunde, der sein 30-Tage gültiges E-Visum um 24 Stunden überstrapaziert hatte, ohne großes Brimbamborium bei der Ausreise ein Extra-Visum erhielt, für das er allerdings den vollen Visum-Preis noch einmal zahlen musste. Immerhin: früher wäre das unmöglich gewesen.

Air India bedient die Strecke Frankfurt – Delhi mit der Boeing 787. Der sogenannte Dreamliner ist nach einigen Kinderkrankheiten inzwischen das Flaggschiff der Air India auf den Fernstrecken und gilt als leise und sparsam im Verbrauch. Ich bin gespannt, denn da Düsseldorf sozusagen vor meiner Haustür liegt, bin ich meistens mit Emirates unterwegs, die andere Flugzeugtypen einsetzen. Die Sitzkonstellation im Dreamliner ist in der Economy-Klasse 3-3-3, die Beinfreiheit auch für größere Person recht komfortabel.

Sonst bin aber etwas enttäuscht. Die Stewardessen erinnern in ihrer muffligen Art an den schroffen Ton der Schaffnerinnen der einstigen Ostberliner Reichsbahn. Die Bordunterhaltung ist längst nicht auf dem Niveau der arabischen Fluglinien, zumal etliche Sitzmonitore ausgefallen sind oder einen Wackelkontakt haben. In den Toiletten fällt der großzügige Einsatz von Panzerband auf, mit dem Leisten, Spiegel, Türbeschläge, Klodeckel und auch Beschriftungen fixiert sind.

Handgeschriebenes Schild in der Bordtoilette

Und das Essen? Naja – ein Feinschmecker-Lokal haben wir nicht erwartet. Bei vielen anderen Airlines können sich Fluggäste an Hand einer ausgedruckten Speisenkarte darüber informieren, was serviert wird. Fehlanzeige. Die Nachfrage bei der Flugbegleiterin bringt nicht viel weiter: „Chicken or vegetarian“. Ich bestelle das vegetarische Tablett und entscheide mich nach Inaugenscheinnahme der Bordverpflegung, nur das Obst – zwei Schnitze Ananas, ein Stück Melone zu essen und auf Kaffee zu warten. Der allerdings ist die Krönung dieses „kulinarischen Höhepunkts“ ­– eine durchsichtige, leicht bräunliche Brühe, die Rückschlüsse auf den Zubereitungsprozess erlaubt. Man nehme eine große Kanne heißes Wasser und koloriere sie vorsichtig mit zwei Teelöffeln Pulverkaffee. Früher hatte ich bei Flügen wenig Grund, über das Essen zum Meckern, schon gar nicht bei Air India. Ich weiß nicht: Bin ich anspruchsvoller geworden, oder sparen die Fluggesellschaften am Bord-Menü? Ich tippe auf Letzteres. Schon bei meinen nur wenigen Wochen zurückliegenden Flügen mit der sonst so vorbildlichen Emirates war das, was bei allen vier Mahlzeiten serviert wurde, für mich „Schlangenfraß“. Was solls? Das Essen im Flugzeug ist doch vor allem Zeitvertreib.

24. September 2015

Die Maschine landet fast pünktlich in Delhi, obwohl sie am Vorabend mit fast einstündiger Verspätung in Frankfurt abgehoben ist. Einige wenige in unserer Gruppe, darunter wir, haben ein „normales“ Visum, das im Pass eingeklebt ist. Die anderen wollen mit dem sogenannten E-Visum einreisen. Das dauert, denn von ihnen werden am Schalter die biometrischen Daten genommen – ein Foto und Abdrücke aller zehn Fingerkuppen. Weil das nicht immer so ohne weiteres klappt, zieht sich die Prozedur hin. Wir anderen haben längst unser Gepäck eingesammelt, etwas Geld getauscht und warten nun mit unseren Abholern im Ausgangsbereich bis auch die letzten Nachzügler eingetroffen sind.

Eine Gruppe ist schon mit Emirates über Dubai nach Kochi in Südindien gereist, die zweite wartet in Delhi auf ihren Anschlussflug nach Srinagar in Kashmir, zwei Busse starten ihre Nordindien-Programme mit der Anreise nach Agra.

Wir lernen unsere mitreisenden Reiseleiter kennen, Andrea Fröbel vom DRV-Serviceteam und Laxmann Jhala, der uns als Deutsch sprechender Guide begleiten wird. Der Bus wird von einem Bilderbuch-Sikh mit prächtigem weißem Rauschebart und dekorativem Turban umsichtig gesteuert. Sein Helfer kümmert sich um das Gepäck und versorgt uns während der Fahrt mit Mineralwasser und Snacks.

Gegen 11.30 Uhr kann es endlich losgehen. Es zeigt sich, dass das lange Warten irgendwie doch sinnvoll war – die morgendliche Rush Hour ist vorbei, der eigentlich für Delhi typische Verkehrsstau ist nicht so schlimm wie befürchtet. In der Nähe des Flughafens ist die Aero-City seit meinem letzten Besuch vor knapp 18 Monaten rasant gewachsen, zahlreiche neue Hotels haben eröffnet, weitere sind noch im Bau.

Für Touristen ist diese Entwicklung weniger interessant. Die neuen Viertel sind zu weit von den Sehenswürdigkeiten entfernt, es sei denn, man benutzt die neuen Metro-Linien, die immer mehr Teile der indischen Metropole verbinden. Die Stadtbahnen sind pünktlich, sauber und für unsere Verhältnisse preiswert. Aber viele Mittelklasse-Inder, die zum Beispiel in den Business-Zentren der modernen Trabanten-Stadt Noida arbeiten, nehmen lieber morgens und abends bis zu zweistündige Staufahrten in Kauf, als in der Metro für die Hälfte der Zeit mit dem gemeinen Volk auf Tuchfühlung zu gehen.

Wir passieren den Buddh International Circuit, die Motorsport-Rennstrecke bei Greater Noida, die eigens für die Formel-1 Weltmeisterschaft gebaut wurde. Von 2011 bis 2013 wurden hier Rennen um den „Großen Preis von Indien“ ausgetragen. Dreimal gewann Sebastian Vettel das Rennen. Man fragt sich, ob Indien wirklich nicht andere Sorgen hat. Ich halte solche Motorsport-Veranstaltungen sowieso für ziemlich unsinnig und frage mich, was solche Kraftmeierei mit Sport zu tun haben soll.

Nach einer Stunde erreichen wir endlich den Yamuna Expressway. Die sechsspurige Autobahn verbindet Delhi mit Agra und wurde erst vor kurzem eingeweiht. Wir kommen flott voran, auch wenn die Höchstgeschwindigkeit bei nur 100 km/h liegt. Das ist aber für indische Straßenverhältnisse Spitze. Und reicht, weil immer wieder ein Bäuerlein mit seinem Traktor als Geisterfahrer unterwegs ist. Aber daran stört sich ja hier bisher kaum jemand. Man muss halt aufpassen.

Die Strecke führt durch fruchtbares Ackerland – Zuckerohr, Baumwolle, Hirse und Gemüsefelder – in der Ferne sind hin und wieder Dörfer zu sehen, kleine Tempel, Mausoleen, Moscheen hin und wieder ein Kirchlein. Ich scanne die Umgebung. Was ist neu, was bekannt? Alles ist viel sauberer als früher, geordneter, langweiliger. Ich will aber nicht meckern. Früher habe ich immer das Chaos und die Müllberge beklagt, die sich um die größeren Ortschaften ziehen und das Vorwärtskommen erschweren. Jetzt markieren allenfalls die Zahlstationen, Tankstellen und alle 50 Kilometer eine Raststelle mit Imbiss, leidlich sauberem Klo und Souvenir-Verkauf die Haltepunkte. Bau und Betrieb der Autobahn ist privatwirtschaftlich organisiert. Dahinter steckt in diesem Fall die Jaypee Group ein Firmenkonglomerat, das auf unterschiedlichsten Geschäftsfeldern tätig ist. Unter anderem im Baugewerbe, im Straßenbau, Tourismus, Schulwesen, Gesundheitsversorgung, Kongressplanung etc. Auch der Bau der Buddh Rennstrecke, die wir heute Morgen passiert haben und der Autobahn, auf der wir jetzt fahren, geht auf ihr Konto. Und die beiden nächsten Nächte werden wir im Jaypee Palace Hotel in Agra schlafen.

Ziegelfabrik an Rand des Yamuna-Expressways von Delhi nach Agra

Apropos schlafen. Das geht während der Busfahrt nach Delhi ganz automatisch. Ich wache erst wieder auf, als draußen schon lange Reihen abgestellter LKW zu sehen sind. Die Fahrer müssen warten bis sie am Abend in die Stadt hineinfahren dürfen, sonst wäre tagsüber die Stadt überhaupt nicht zu durchqueren. Am Rande des LKW-Parkplatzes fallen einige herausgeputzte Damen auf. Sie vertrauen wohl darauf, den Kraftfahrern die Wartezeit vertreiben zu dürfen.

Agra ist beileibe keine schöne Stadt und gehört bestimmt nicht zu meinen Lieblingsstädten in Indien. Aber ich muss zugeben, auch diese Stadt ist sauberer geworden. Da es bereits kurz nach 14.00 Uhr ist und wir heute noch unbedingt das Taj Mahal besichtigen wollen, bleibt keine Zeit, im Übernachtungshotel einzuchecken, zu duschen und die Reiseklamotten zu wechseln.

Wir steuern also direkt das Double Tree by Hilton an, wo das Mittagessen vorgesehen ist. Obwohl ich im Flugzeug kaum was gegessen habe, halte ich mich hier weiter zurück. Die mächtige nordindische Küche ist nicht so ganz mein Fall, ganz anders als die südindische. Da zum Glück ein Büffet aufgebaut ist, finde ich doch einige Kleinigkeiten, die mir schmecken.

Bei Tisch unterhalte ich mich mit dem Vertreter des Indischen Tourismusbüros, der in Delhi zu uns gestoßen ist. Roman Perera arbeitet bei der Außenstelle in Bombay und hat wohl noch wenig von den Sehenswürdigkeiten Indiens außerhalb seiner Heimatstadt gesehen. Dagegen kann er parieren, als ich die Namen einiger seiner Kollegen und Vorgesetzten aus dem Tourist Department fallen lassen, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte kennengelernt habe. Sogar an Mrs. Jaganathan, mit der ich schon 1982 zu tun hatte, erinnert er sich noch.

Nach dem Essen folgt die unvermeidliche Hotelbesichtigung – Zimmer, Pool, Restaurants, Bar Fitnessbereich. Der Name Hilton hält, was er verspricht. Internationale Einheitsware. Das Hotel könnte genauso auch in Buxtehude, Moskau oder Hawai stehen. Wir erfahren, dass das Haus erst vor acht Monaten eröffnet wurde und ich wundere mich, dass an einigen Wänden schon der Putz bröckelt.

Das Taj Mahal in Agra ist das wohl meistfotografierte Bauwerk der Welt

Aber jetzt steht der erste Höhepunkt der Tour an. Die Besichtigung des Taj Mahal müssen wir heute noch schaffen, denn morgen am Freitag ist das Bauwerk geschlossen, weil dann die Moschee im Garten nur für Muslime geöffnet ist. Das Taj Mahal – eigentlich müsste es ja der Taj Mahal heißen. Der Name persischen Ursprungs und bedeutet „Krone des Ortes“, im Original ein maskuliner Begriff. Aber wir haben uns so daran gewöhnt, das Taj Mahal zu sagen, dass die maskuline Form uns zumindest komisch wenn nicht sogar falsch vorkommt. Also lassen wir es dabei.

Ich war schon mehrfach hier. Zum ersten Mal 1982 auf der zweiten Reise zusammen mit Konstanze. Damals sind wir mit dem Zug aus Delhi angekommen und haben uns im Hotel Amar einquartiert. Das lag seinerzeit am Stadtrand, inzwischen ist die Stadt erheblich gewachsen, das Hotel hat nun quasi Innenstadtlage. Damals fuhren wir mit der Fahrrad-Rikscha direkt zum Eingang des Taj Mahal und konnten ohne Belästigung durch fahrende Händler und Bettler direkt hineingehen.

Seit einigen Jahren können Besucher in motorisierten Fahrzeugen nur bis auf zwei Kilometer an das Taj Mahal heranfahren. Dann geht es ca. 150 Meter zu Fuß zur Haltestelle der Elektrobusse, die bis zum Taj Mahal fahren. Diese 150 Meter nützen die Souvenir-Verkäufer, die einem allen möglichen Schrott andrehen wollen – Postkarten, Landkarten, Münzen, Nachbildungen des Taj Mahal aus Marmor, Holz oder Plastik, Prospekte und Monographien. Schnell haben sie heraus, aus welchem Land die Besucher kommen und sagen ihre Sprüchlein in der jeweiligen Sprache – Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch oder Russisch. Dass ich Chinese bin, nimmt mir niemand ab, versucht es aber dennoch auf Mandarin. Als sie endlich begreifen, dass ich jetzt wirklich nichts kaufen will nötigt mir einer ein von ihm selbst formuliertes Versprechen ab: Ich würde auf dem Rückweg kaufen, aber nur bei ihm. Er heiße Sammy.

Wir passieren die Sicherheitsschleuse, wo wir gescannt und die Taschen durchsucht werden. Dann sind wir drinnen – zusammen mit gefühlt einer Million anderen Gästen. Soviel sind es natürlich nicht, aber tatsächlich kommen täglich rund 20 000 Besucher. Wir sind spät dran, es ist schon vier Uhr am Nachmittag, gegen sechs Uhr setzt die Dämmerung ein.

Laxmann, unser Führer, erzählt wie das Streifenhörnchen zu seinen Streifen kam. Als Gott Rama von der Südspitze Indiens nach Sri Lanka übersetzen wollte, um seine Frau Sita aus den Klauen des Dämons Ravanna zu retten, musste er erst eine Brücke bauen. Nach mehreren missglückten Versuchen mit Hilfe von Elefanten eine Brücke über die Meerenge zu errichten, die aber immer wieder weggespült wurde, boten Hörnchen ihrer Hilfe an. Sie opferten ihre buschigen Schwänze, mit denen sie den Mörtel zwischen den Brückensteinen stabilisierten. Siehe da: die Brücke hielt und Rama konnte mit seinem Gefolge übersetzen. Da er sich jedoch nicht erniedrigen konnte, um seinen Dank durch Niederfallen vor den kleinen Helfern auszudrücken, dankte er ihnen, indem er ihnen sozusagen auf den Buckel klopfte und dann den Rücken streichelte. Die Fingerabdrücke hinterließen Streifen, seitdem heißen die putzigen Tierchen Streifenhörnchen.

Während Laxmann diese Geschichte erzählt, lockt ein Mitglied unserer Gruppe ein Hörnchen an, versucht es zu streicheln. Dreimal kommt das putzige Tierchen ganz nahe, huscht aber im letzten Moment davon, eher unser Freund es berühren kann. Beim vierten Mal kommt tatsächlich ein Körperkontakt zustande – das Hörnchen beißt in den Finger, der sich ihm entgegenstreckt. Blut fließt.

Laxmann hat jede Menge schöner Geschichten auf Lager. Sein Timing ist jedoch nicht immer optimal. Jetzt wird die Zeit knapp für die Besichtigungen. Während die anderen ausschwärmen, um das Mausoleum näher zu betrachten, setze ich mich auf eine Bank und lausche nacheinander den Geschichten, die sieben verschiedene Reiseführer ihren Gästen über die Geschichte des Bauwerks erzählen. Der Kern ist immer der gleiche, die vorgetragenen Fakten, Zahlen und Details zum Teil aber recht unterschiedlich.

Verbrieft ist, dass der Bau vom ersten Spatenstich im Jahr 1631 bis zur Fertigstellung 1648 gedauert hat. Ob es aber die Kraft von 20 Tausend oder gar 40 Tausend Arbeitern gebraucht hat, ob 800 oder 1000 Elefanten im Einsatz waren, wie viele Tonnen Marmor, wie viele Zentner Edelsteine verbraucht wurden, schwankt je nach Erzähler. Auch wie Großmogul Sha Jahan auf die Idee kam, das prächtige Bauwerk in Auftrag zu geben, lässt sich auf unterschiedliche Weise erzählen.

Am besten gefällt mir diese Version: Sha Jahan, Sohn des Großmoguls Jehangir, war in seiner Jugend ein rechter Schwerenöter. Kein Rock war vor ihm sicher. Neben seinen beiden ersten Frauen hatte der Prinz jede Menge Geliebte. Eines Tages entdeckte er bei einem Marktbesuch Arjumand Banu Begum und verliebte sich in sie. Die Schöne ließ den Galan zunächst gehörig abblitzen. Erst fünf Jahre später wurde sie seine dritte Frau. Von Anfang an las er der Fürst ihr jeden Wunsch von den Augen ab, machte sie zu seiner Beraterin, vertraute ihr das Siegel des Reiches an und verlieh ihr den Titel Mumtaz Mahal, Krone des Palasts. Das Volk liebte die Kaiserin, denn sie hatte ein Herz für die Armen und machte sich für die Rechte der Frauen stark. Sie begleitete ihren Gemahl auf seinen zahlreichen Kriegszügen.

1631 starb sie bei der Geburt ihres 13. Kindes während eines Kriegszuges im Deccan-Hochland. Shah Jahan soll wegen des Todes seiner Lieblingsfrau so traurig gewesen sein, dass er über Nacht weiße Haare bekam. Ihr zu Ehren wollte er das prächtigste Bauwerk errichten, das die Welt je gesehen hatte – einen Traum aus weißem Marmor. Tatsächlich ist das Taj Mahal bis heute das wohl am meisten fotografierte Gebäude der Welt. Es zum siebten Weltwunder zu erklären, wie es die indische Seite immer wieder fordert, hat die UNESCO-Welterbe-Kommission bisher allerdings immer wieder abgelehnt.

Es wird gemunkelt, Schah Jahan habe geplant, für sich selbst ein Gegenstück zum Taj Mahal aus schwarzem Marmor auf der anderen Seite des Flusses Yamuna zu bauen. Dazu ist er aber nicht mehr gekommen. Sein Sohn Aurangzeb setzte den Vater ab – wegen der immensen Ausgaben, die der Bau des Taj Mahal verschlungen ab. Bis zu seinem Tode 1662 verbrachte der einstige Kaiser seine letzten acht Lebensjahre unter Hausarrest – allerdings in komfortablen Gemächern im Roten Fort von Agra – mit bester Aussicht auf das Taj Mahal.

Das Denkmal einer großen Liebe lockt bis heute Verliebte aus der ganzen Welt und vor allem natürlich aus Indien. Sie posieren vor dem Gebäude, am liebsten auf der Bank, die einst auch Prinzessin Diana verzaubert hat. Frisch Verheiratete suchen das Taj auf, um ihren Bund zu besiegeln. Mir fällt eine Gruppe Amerikaner auf, die in prächtigen indischen Gewändern mit ihren offensichtlich indisch-stämmigen Bräuten extra hierher gereist sind, um Segen für ihr junges Glück zu erbitten. Die professionellen Fotografen, die hier überall ihre Dienste anbieten, machen ein gutes Geschäft.

Es ist inzwischen fast dunkel geworden, aber immer noch wimmelt es hier von Besuchern. Wehmütig erinnere ich mich an unseren ersten Besuch hier vor fast exakt 33 Jahren. Da haben wir in der Mittagshitze auf der Plattform direkt vor dem Eingang zur Grabkammer ausgeruht. Außer uns war damals nur noch ein Paar aus Neuseeland gleichzeitig hier.

Auf dem Rückweg lauern uns die fliegenden Händler wieder auf. Sammy freut sich, dass ich seinen Namen nicht vergessen habe, wundert sich zugleich, dass ich mich an das Versprechen, bei ihm etwas zu kaufen, partout nicht erinnern will. Das hat er mir nämlich selbst angedichtet. Noch durch das geschlossene Busfenster höre ich ihn zetern und krakeelen.

Jetzt aber nichts wie ab ins Hotel und raus aus den Klamotten, endlich unter die Dusche. Wir sind im Jaypee Palace untergebracht, das auch zu dem Konzern gehört, dem wir heute schon mehrfach begegnet sind. An das Nachtessen kann ich mich kaum noch erinnern, nur noch daran, dass ich nach dem Dinner auf der Suche nach meinem Zimmer durch die etwas unübersichtlichen Gänge geirrt bin. Schließlich war ich seit der Abfahrt von Kettwig gut 36 Stunden unterwegs.

25. September 2015

Am Morgen steht der Besuch von Fatehpur Sikri auf dem Programm. Unser Bus durchquert zunächst das Stadtzentrum. Heute ist Eid, das Fest des Fastenbrechens. Überall ziehen Muslims durch die Straßen und in die Moscheen. Auch sonst geht es recht geschäftig zu. Laxmann macht uns auf ein Straßenrestaurant aufmerksam, in das man bevorzugt zum Frühstück kommt. Die Zubereitung eines indischen Frühstücks ist aufwändig und zeitraubend. Deshalb geht, wer es sich leisten kann, dafür in einen Frühstückladen, um seine Puri Baji (frittiertes Fladenbrot mit Gemüse-Curry) für ein paar Rupien zu kaufen. Spätestens um 11 Uhr ist der Run vorbei, dann machen die typischen Frühstücksläden dicht.

Die Straße ist auch das Revier eines Doktors, der unter einem Baum seine Sprechstunde abhält, während die Patienten in langer Reihe geduldig warten, bis sie an die Reihe kommen. Der Bus passiert die schmuddeligen Vorstädte von Agra und dann geht es einige Kilometer durch schäbige Industrieviertel, schließlich vorbei an Zuckerrohrfeldern. Dann sehen wir schon von weitem die Mauern von Fatehpur Sikri.

Der rund 40 Kilometer südwestlich von Agra gelegene Ort wurde innerhalb von fünf Jahren als neue Hauptstadt des Mogulreiches geplant und errichtet. Mogulkaiser Akbar hatte als erster muslimischer Herrscher eine Hinduprinzessin geheiratet und so ein System der religiösen Toleranz postuliert. Die neue Hauptstadt vereint deshalb in ihrer Architektur Elemente unterschiedlicher Religionen. Leider hatte der weitsichtige Kaiser offensichtlich übersehen, dass die Wasserversorgung für eine solch große Ansiedlung nicht ausreichte.

Bereits 1585, nur 14 Jahre nach der Gründung, verlegte er den Regierungssitz nach Lahore im heutigen Pakistan und zog mit dem gesamten Hofstaat dorthin. Paläste, Tempel und Wohnquartiere der Hofbeamten und Frauen liegen seither verlassen. Die gut erhaltene Anlage gehört heute zum Weltkulturerbe wird aber vergleichsweise wenig besucht. Allenfalls an einem Freitag, wie heute, wenn das Taj Mahal für Besucher geschlossen ist, herrscht etwas mehr Andrang.

Fatehpur Sikri – Pfeiler im Juwelenhaus Diwan-I-Kash

Allerdings geben die Palastbauten und Gartenanlagen beliebte Kulissen für Filmaufnahmen ab. Auch heute verbreitet ein Filmteam in der kaiserlichen Audienzhalle hektische Betriebsamkeit, von der sich aber der Regisseur, ein älter weißhaariger, bärtiger Herr, kaum stören lässt. Er hat sich auf einer Zeltplane zum Nickerchen niedergelassen. Das Drehbuch ist ihm aus der Hand gefallen. Als ich ihn anspreche, brummt er nur unwillig. Er kann offensichtlich kein Englisch. Eine Assistentin scheucht mich weg. Don’t disturb my director. Dabei hatte ich nur fragen wollen, ob er hier vielleicht einige Szenen nach Salman Rushdies Roman „Die bezaubernde Florentinerin“ dreht, Fatehpur Sikri ist ja auch Schauplatz dieses Buches. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, ich müsste das Buch halt nochmal lesen.

Zurück in Agra sehen wir, dass der Open Air Doktor gerade Mittagspause macht. Die Patienten warten weiter geduldig. Lunch nehmen wir heute im ersten Haus am Platz ein, im The Oberoi Amar Vilas. Das Essen entspricht den Qualitätsansprüchen eines solchen Hauses. Die Zimmer dito. Jedes hat einen direkten Blick auf die Kuppel des Taj Mahal. Schöne Aussichten, aber man muss sich den Spaß auch leisten können. Die Managerin, die uns herumführt, spricht von Zimmerpreisen ab 1000 Euro aufwärts. Die Kohinoor Suite, die ich einmal für Udo Jürgens gebucht hatte, kostet glatt das Zehnfache pro Nacht. Aber er war absolut glücklich damit.

Das Haus ist auch bei indischen Stars beliebt. Während unseres kurzen Besuchs fällt uns eine topmodern gestylt junge Mutter mit Baby und Nanny auf, die mir bekannt vorkommt. Ist wohl eine Bollywood-Schauspielerin. Später lese ich im täglichen Klatschteil der täglich allen Tageszeitungen beiliegt, dass es wahrscheinlich Katrina Kaif war, die zu einem Dreh in Agra weilte.

Das Rote Fort in Agra

Am Nachmittag steht die Besichtigung des Roten Forts auf dem Programm. Die Festungs- und Palastanlage aus der Epoche der Mogulkaiser diente im 16. und 17. Jahrhundert mit Unterbrechungen als Residenz der Moguln und wurde 1983 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Die gesamte Fort-Anlage hat einen halbmondförmigen Grundriss und ist von einer bis zu 21 Meter hohen Mauer umgeben, die 2,4 Kilometer lang ist. Die Mauer besteht in ihrem Kern, wie die Mehrzahl der umschlossenen Gebäude, aus Ziegelstein und ist mit roten Sandsteinplatten verkleidet. Von diesen roten Sandsteinplatten rührt auch der Name des Forts. Nur zwei Haupttore, das Delhi-Tor und das Lahore-Tor, gewähren Einlass in das riesige Gelände. Im Innern befinden sich repräsentative Palastbauten aus der Zeit Shah Jahans sowie Moscheen und Gärten. Der Baustil vereint in harmonischer Weise Elemente islamischer und hinduistischer Baukunst. Über der Mauer zum Fluss Yamuna hin liegt ein wunderschöner Pavillon aus Marmor, der zur Kühlung von Wasserläufen durchströmt wurde – das wohl komfortabelste Gefängnis der Weltgeschichte: Shah Jahan, der Erbauer des Taj Mahal, verbrachte bis 1666 hier seine letzten acht Lebensjahre unter Hausarrest mit direktem Blick auf das Grabmal seiner geliebten Frau.

Blick auf die Audienzhalle im Roten Fort von Agra

Diese Liebesgeschichte liefert auch den Stoff für die üppige Mohabbatein Taj-Show, die wir am Abend besuchen. In Form eines Musicals mit Bollywood Elementen wird die Geschichte des Taj Mahal erzählt. Über Kopfhörer gibt es gut verständliche deutsche Übersetzungen der Texte. Das Ganze ist sehr professionell aufgezogen, zwar zum Teil etwas kitschig aber eine gute Rekapitulation oder Vorbereitung des Besuchs beim Taj Mahal. Wer mag, kann sich am Schluss für kleines Geld mit den Hauptdarstellern fotografieren lassen. Die Abzüge gibt’s schon nach wenigen Minuten, so dass die Gruppe kaum warten muss.

Zum Abendessen geht es diesmal zum ITC Mughal, wo im Peshwari Restaurant typisch Northern Frontier Küche serviert wird. Das sind meist kräftig gewürzte Grill-Spezialitäten von Huhn und Lamm aus dem Tandori-Ofen. Für Vegetarier stehen verschiedene Gemüse und Zubereitungen aus hausgemachtem Hüttenkäse zur Wahl. Insgesamt okay aber letztlich etwas langweilig. Vielleicht bin ich auch wieder zu müde, um das Essen richtig genießen zu können. Morgen sollen wir schließlich schon vor sieben Uhr in der Frühe abfahrtbereit sein.

Auf dem Bahnhof von Agra

26. September 2015

Wider Erwarten gibt es um 6 Uhr schon was zu essen als unser Häuflein ebenso wie eine größere Reisegruppe aus Spanien den Frühstücksraum stürmt, so dass der Bus tatsächlich pünktlich starten kann. Die Fahrt geht nur wenige Minuten zum Bahnhof, wo wir uns von unserem freundlichen Fahrer und seinem Helfer mit einem netten Trinkgeld verabschieden. Dann schieben wir unsere Koffer zum Bahnsteig Nummer 1 und mischen uns unter die Wartenden. Schulklassen, Mönchen, Familien, Geschäftsleute. Fliegende Händler bieten Kaffee, Tee, Softdrinks, Snacks an. Ich versuche am Zeitungsstand die aktuelle Ausgabe von „Trains at a Glance“ zu kaufen, das Kursbuch für das gesamte indischen Schienennetz. Die Broschüre war bei vielen früheren Reisen unser wichtigstes Nachschlagewerk, fast wichtiger noch als der „Lonely Planet“. Heute kann man natürlich die Zugverbindungen im Internet heraussuchen. Aber die Print-Ausgabe scheint nicht mehr in zu sein. Jedenfalls schaut mich der Buchverkäufer etwas ratlos an, als ich danach frage.

Pünktlich rollt der Zug in den Bahnhof. Auch in Indien versucht man, den Fahrplan einigermaßen einzuhalten. Wir nehmen unsere reservierten Plätze im 1. Klasse-Wagen ein. Der Shatabdi-Expess von Delhi nach Bhopal ist gewissermaßen die indische Ausgabe unserer IC-Züge. Der Schaffner hilft uns, die Koffer auf die Gepäckablage zu wuchten, die tatsächlich genügend Platz bietet. Dann kontrolliert der Zugbegleiter, ob auch wirklich die Personen an Bord sind, für die Plätze reserviert sind. Wasserflaschen und Zeitungen werden verteilt. Und schon geht es los.

Auch Frühstück wird serviert und Kaffee. Da wir gerade vom Frühstück kommen, probieren nicht alle, aber wer indisches Frühstück mit Fladenbrot und Chutney mag, kommt auf seine Kosten.

Die Aussicht aus dem Zugfenster lohnt sich.

Essensausgabe im Shatabdi-Express

Während es in den Außenbezirken von Agra noch wenig appetitlich ausgesehen hat – ich sehe mindestens fünf nackte Ärsche, die gerade in Aktion sind – wird die Landschaft bald viel spektakulärer. Wir fahren durch die Ravines am Chambal-Fluss: ein Gewirr von engen, wenn nicht sogar winzigen Schluchten, zum großen Teil aus festgebackenem Sand. Dieses Labyrinth aus erosionsbedingt ständig wechselnden Gängen und Sackgassen bietet ein ideales Rückzugsgebiet für kriminelle Elemente. Tatsächlich war hier das Operationsgebiet der berüchtigten Banditen-Königin, die sich erst vor gut 30 Jahren der Polizei stellte.

Schlupfwinkel der Räuberbanden: Die Ravines am Chambal-Fluss

Phoolan Devi, die als Kind mit einem 24 Jahre älteren, gewalttätigen Mann zwangsverheiratet worden war, rächte sich an dessen Familie und einem Clan an Großgrundbesitzern als Anführerin einer Räuberbande. Elf Jahre saß sie ohne ein Verfahren im Gefängnis. Der indische Staat befürchtete, dass bei einem Prozess Misshandlungen durch die Polizei und Verfehlungen der Obrigkeit zur Sprache gekommen wären.

Nach Phoolan Devis Freilassung bewarb sie sich als Kandidatin der links gerichteten Samajwadi Partei und wurde 1996 und 1999 als Abgeordnete ins indische Parlament gewählt. 2001 wurde sie auf offener Straße erschossen, ihr Mörder wurde erst am 16. August 2014 wegen Mordes und versuchten Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe von 100.000 Rupien verurteilt – die Anklage hatte die Todesstrafe gefordert. Die Geschichte der Phoolan Devi wurde 1994 nach einem umstrittenen und von ihr nicht autorisierten Drehbuch verfilmt.

Die Bahnstrecke führt vorbei an Gwalior, wo man eigentlich unbedingt einen mindestens eintägigen Stopp einlegen sollte. Die Festung von Gwalior ist eine der besterhaltenen Forts im Norden Indiens. Der Palast des Maharajas von Gwalior ist ein großartiges Museum, das den exquisiten Lebensstil der indischen Großkönige spiegelt. Der Maharaja von Gwalior gehörte zu den fünf mächtigsten Maharajas in Indien, denen im offiziellen Protokoll 21 Böllerschuss als Salut zustanden. Die anderen vier waren seine Kollegen von Hyderabad, Mysore, Jammu & Kashmir und Baroda.

Im Zug Von Agra nah Jhansi

Auch eine der wichtigsten Jain-Pilgerstätten lassen wir leider links liegen: die Tempelstadt Sonagiri. Die ebenfalls imposante Festung von Datia sehen wir wenigstens vom Zug aus. Auf die Minute pünktlich läuft Zug Nr. 2002 in Jhansi, unserer Endstation ein. Auf dem Bahnhofsvorplatz warten schon unsere Abholer und der Bus.

Für die Besichtigung von Jhansi bleibt keine Zeit. Soviel ist hier auch nicht zu sehen. Die Heimatstadt der berühmten Lakshminbai, die als Rani von Jhansi zur Anführerin der indischen Truppen beim Aufstand gegen die Briten wurde, ist heute ein eher langweiliges Nest. Allenfalls das Fort wäre einen Besuch wert, wo man gerne erzählt, die Fürstin sei von hier oben, samt ihrem Söhnchen im Schoß auf ihrem Pferd einen Abhang hinuntergesprungen, um den britischen Verfolgern zu entkommen.

Unser nächstes Ziel ist das rund zwölf Kilometer entfernte Orchha. Als wir vom Bus aus einen Elefanten sehen, der die Straße entlang trottet, meint Laxman, das Tier sei wohl unterwegs, um bei einer Hochzeit als Reittier zum Abholen der Braut eingesetzt zu werden. Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Erstens reitet meist der Bräutigam – in der Regel auf einem Schimmel. Zweitens schaut der Elefant ziemlich klapprig und verdreckt aus. Sein Mahout macht auch einen eher ärmlichen Eindruck. Ich vermute, dass es sich eher um einen Bettelmönch handelt, der seinen halbverhungerten Dickhäuter übers Land quält.

Auf dem Weg nach Orchha fallen mir immer wieder Ecken auf, an den Plastikmüll nur notdürftig verscharrt wurde. Die Clean-India-Kampagne des Ministerpräsidenten ist hier wohl noch nicht so richtig angekommen. Oder doch?

Schüler demonstrieren ein Orchha für ein sauberes Indien. Straßenfegerinnen folgen dem Zug und kehren Bonbon-Papierchen zusammen

Kaum haben wir das zweite Stadttor passiert, werden wir von einer Prozession aufgehalten: Hunderte Schüler und Lehrer ziehen mit Postern die Hauptstraße entlang. Auf den Plakaten werben Slogans für ein sauberes Indien. Am Ende des Zugs gehen vier Frauen mit Besen und Körben. Sie sammeln die Bonbon-Papierchen ein, die von den Demonstranten während ihres Marsches unbekümmert fallengelassen wurden.

Unser Quartier ist heute das Orchha Resort, direkt am Betwa-Fluss in unmittelbarer Nähe der berühmten Fürsten-Grabmäler. Der Türsteher empfängt uns mit munteren Flötentönen. Die Zimmer sind schlicht aber sauber. Zum Mittagessen gehen wird ins Amal Mahal. Es sieht aus wie eine echte historische Fürstenherberge, ist aber tatsächlich kaum mehr als zehn Jahre alt. Das Haus wurde als Hotel gebaut und ist bestimmt die erste Adresse in Orchha.

Flötenspieler in Orchha
Die mächtigen Grabmale besichtigen wir nur von außen. Die Mittagshitze lähmt doch ziemlich. Bei den Cenotaphs (Grabmalen) handelt es sich nicht um Beerdigungsplätze sondern um Gedenkorte für die Fürsten, die hier der hinduistischen Sitte folgend verbrannt wurden.
Pilger präsentieren stolz ihre Ganesh-Statue, die sie gleich darauf feierlich um Fluss versenken werden.
Uns fällt eine indische Großfamilie auf, die mit einem Kleinlaster angereist ist. Die Männer schleppen eine bunt bemalte Statue des elefantenköpfigen Gottes Ganesh zum Flussufer hinunter, um diese unter Gesängen und Tänzen im Wasser versenken. Tatsächlich wird in diesen Tagen Ganesh Chaturthi, der Geburtstag von Ganesh, dem wohl beliebtesten Gott des Hindu-Pantheons gefeiert. Nicht nur in Bombay und Poona, die für dieses Fest berühmt sind, sondern auch hier auf dem flachen Land. Im Bett des Betwa fließt nur wenig Wasser. Wie immer, wenn ich gerade dort war. Es muss aber auch Zeiten geben, wenn sich das Rinnsal in einen reißenden Strom verwandelt. Jedenfalls werben auffällige Plakate für Wildwasser-Fahrten. Eindrucksvolle Bilder belegen, dass das tatsächlich möglich sein muss.
Palast über der Stadt Orchha
Am Nachmittag besichtigen wir die beiden alten Paläste, die sich auf mehreren Stockwerken über dem Flussufer erheben. Die einst prächtig geschmückten Zimmer der Anlagen haben im Lauf der Jahre arg gelitten, Putz und Wandmalereien müssen dringend restauriert werden. Aber ein Anfang wird gerade gemacht. Ein Bautrupp schleppt mühselig Schutt weg und frischen Putz die steilen Stufen hoch. Ich vermisse die riesigen Geier, die mir bei meinem ersten Besuch vor knapp 15 Jahren hier aufgefallen sind. Die Vögel sind in Indien inzwischen fast ausgestorben. Dank der europäischen und amerikanischen Pharma-Industrie. Der Grund ist das Schmerzmittel Diclofenac, das die Vögel beim Verzehr von Aas zu sich nehmen, wenn zum Beispiel verendete Kühe mit dem Präparat behandelt wurden.
Mit schrillem Make-up macht ein Heiliger Mann, ein Sadhu, auf sich aufmerksam

Am Palast lungert ein schrill bunt bemalter Kerl herum. Seine leuchtende Schminke ist offensichtlich ein Lockmittel. Aber sobald jemand die Kamera zückt, um ihn abzulichten, dreht er sich weg oder versteckt den dekorativen Kopf unter seinen Lumpen. Als ihm jemand einen 50-Rupien-Schein in die Hand drückt, lässt er sich von allen Seiten bereitwillig fotografieren. Ein Sadhu – ein heiliger Mann, der allem weltlichen entsagt hat und durch unablässige Meditation dem Rad der Wiedergeburt entkommen will. Warum sich Sadhus so abenteuerlich herausputzen und kostümieren, konnte mir bis heute niemand schlüssig erklären. Dieser hier scheint anders als die meisten seiner Zunft sesshaft zu sein. Während die meisten anderen Sadhus zu Fuß von einem heiligen Ort zum Ort durch ganz Indien pilgern, hat er sein ganzes Leben in einem Dorf nahe Orchha verbracht. So berichtet er jedenfalls einem des Hindi mächtigen Mitreisenden.

Kumar, alias Roy, der angesagte Haarkünstler in Orchha, widmet sich mit allen Mitteln meiner Frisur

Orchha ist ein vergleichsweise kleiner Ort mit einer glorreichen Vergangenheit. Lange war diese vergessen, aber der Tourismus hat sie wiederentdeckt. Souvenirläden entlang der Hauptstraße haben sich darauf eingestellt. Die geschäftigsten werden von jungen Frauen und Mädchen mit bemerkenswerten Sprachgewandtheit und Überzeugungskraft geführt. So mancher Tourist zieht mit einem Schnäppchen ab, das überhaupt nicht auf seinem Wunschzettel stand.

Wir wollen nach Einbruch der Dunkelheit die Abendpuja im nahen Ram-Raja-Tempel besuchen. Das ist der einzige Tempel im Land, in dem Gott Rama als König verehrt wird. Bisher habe ich diese Zeremonie immer verpasst. Da ich kein Interesse daran, weitere Souvenir für die Abstellkammer zu kaufen, suche ich nach einem Friseur und finde ihn bald am Ende der Hauptstraße. Er traktiert gerade einen jungen Burschen, der sich einen frechen Haarschnitt nach der letzten Mode verpassen lassen will. Doch mein Erscheinen beschert ihm eine längere Wartezeit, die ihn aber überhaupt nicht stört. Der Friseur sei sein bester Freund.

Der Haarkünstler fährt alles auf, was sein Salon aufzubieten hat und nimmt meinem Kopf in die Mangel. Er heiße Kumar stellt er sich vor, ich könne ihn aber auch Roy nennen, das sei für mich bestimmt einfacher auszusprechen. Ich bleibe bei Kumar. Er macht erst mit der Maschine den Grobschnitt, dann geht es mit der Schere an die Feinarbeit. Rasieren, Bartstutzen, dann ausführliche Kopf- und Rückenmassagen. Die ganze Prozedur dauert tatsächlich über eine Stunde. Danach fühle ich mich tatsächlich wie neugeboren.

Was kostet das? Kumar gibt mir die übliche Antwort, die ich aus vielen früheren Besuchen kenne. „As you like“. Da kann man wirklich kaum etwas richtig machen. Ich habe schon mal einen Friseur mit 20 Rupien glücklich gemacht. Aber dieser erwartet bestimmt mehr. Vor ein paar Wochen habe ich in Pondicherry bei einem Friseurgeschäft mit Fixpreisen für mich und meinen Sohn 250 Rupien gezahlt. Und das war sozusagen ein Nobelschuppen. Also biete ich jetzt 150 Rupien an. Kumar lacht ungläubig, spricht plötzlich kein Englisch mehr und tippt die Wunschsumme in sein Smartphone: 1100 Rupien. Ich bin über diese Dreistigkeit so sprachlos, dass ich zunächst mal anstandslos den gewünschten Preis zahle. Dann meint Kumar, ich könne ja auch die anderen Mitglieder unserer Gruppe schicken. Dann könnten wir die Einnahmen ja teilen. Ich lehne ab und verpasse so die lukrative Teilhaberschaft an einem gewinnversprechenden Friseur-Geschäft.

Es ist jetzt Zeit, zum Abendsegen zum Ram-Raja-Tempel zu gehen. Punkt 20 Uhr gehen die Tore auf. Zusammen mit Hunderten gläubigen Hindus strömen wir hinein. Wie viele andere habe ich draußen ein größeres Päckchen der lokalen Süßigkeit aus Mich und Zucker gekauft, das ich als Opfer übergeben will. Wir warten gespannt bis sich nach wenigen Minuten die Tür zum Allerheiligsten öffnet und ein Priester mit Gesang und Räucherwerk die Statue des Gottes umrundet. Damit auch alle etwas sehen, wird das Ritual per Video auf mehrere große Bildschirme übertragen. Nach etwa 10 Minuten können die Gläubigen nach vorn kommen, um die Opfer darzubringen.

Ich gehe hin und reiche dem Priester mein Päckchen. Er behält es nicht, sprengt ein paar Tropfen gesegnetes Wasser darüber und gibt es mir zurück. Was soll ich nun damit? Das Zeug ist mir viel zu süß, als dass ich es selber essen wollte. Ich schenke es einem Sadhu, der aussieht, als sei er lange nicht mehr satt geworden.

Zurück im Hotel erwartet uns beim Abendessen im Garten eine Folkloregruppe mit wildem Gesang, Trommelmusik und authentischen Tänzen. Die Künstler verausgaben sich wirklich, das ist trotz des Ambientes keine Touristen-Show sondern echte Tradition.

27. September 2015
Heute steht eine längere Busfahrt auf dem Plan. Für die knapp 200 Kilometer sind etwa 4 Stunden veranschlagt. Wir wollen es langsam angehen und unterwegs den einen oder anderen Stopp in einem Dorf einlegen, um etwas vom Landleben mitzukriegen. Der erste unfreiwillige Halt ergibt sich bereits nach wenigen Kilometern an einer Schranke nahe des Bahnhofs Orchha. Auch wenn der Bummelzug offensichtlich Verspätung hat, lässt der Schrankenwärter die Schranke nach Fahrplan herab. Hoffentlich geht er beim Aufziehen pragmatischer vor, und dreht die Barriere erst hoch, wenn der Zug tatsächlich auch vorbei ist.

Nicht alle Verkehrsteilnehmer beachten das Hindernis. Fußgänger schlüpfen an den Seiten durch, Fahrrad-Fahrer und auch etliche Motorradfahrer bugsieren ihre Gefährte unter der Sperre hindurch, überqueren die Gleise und zwängen drüben Räder und Maschinen wieder unter der Schranke her. Auf dem Bahnsteig warten schon die Passagiere. Die meisten sind offensichtlich Bauern, die mit Ihren Waren wohl den nächsten Markt ansteuern. Vor unserem Bus spielen einige Kinder, machen Faxen und führen Kunststücke vor. Als der Zug endlich vorbei getuckert ist, kurbelt der Schrankenwärter langsam die Sperren hoch. Einige Motorradfahrer haben wohl nicht so viel Geduld und zwängen sich quer durch die Mitte über die Schienen. Busse, Lastwagen und auch Autos können hier ihre Überlegenheit nicht ausspielen und kommen erst nach und nach wieder in Fahrt.

Die Bahnschranke ist für Motorradfahrer kein echtes Hindernis. Wer es eilige hat, kriecht samt der Maschine einfach unter der Sperre hindurch

Die Straße ist zweispurig und einigermaßen gut ausgebaut. Wir kommen also flott voran. Irgendwann lässt Laxmann anhalten. Er hat eine Werkstatt entdeckt, die große Götterfiguren herstellt. Aus Holz, Stroh und Lehm werden die groben Konturen gefertigt und dann an der Luft getrocknet. Der Feinschliff der Gesichter, Hände und Kleider wird dann mit vorgefertigten Formen und Schablonen aufgetragen. Die mit feinem Schleifpapier geglätteten Statuen werden schließlich mit bunten Farben bepinselt. Diese fertigen Figuren sind aber nicht für die Ewigkeit bestimmt. Es sind Devotionalien, die bei religiösen Festen zuerst verehrt und am Ende der Feier in den Fluten eine Baches, Sees oder Flusses versenkt werden. Dort warten bereits clevere Burschen, die nach den Holzgerippen und Stoffen tauchen, um sie wiederum bei einer Figurenwerkstatt zur Wiederverwendung anzubieten. Zur Zeit werden gerade Standbilder einer vielarmigen Göttin, die auf einem Tiger oder Löwen reitet, en gros hergestellt: Bilder der Göttin Durga für die Durga Puja, die in den nächsten Tagen überall im Land, vor allem aber in und um Kolkata groß gefeiert wird.

Vorbereitungen für die Durga Puja
Wenige Hundert Meter weiter treffen wir auf einen Töpfer, der kleine Tassen und Öllämpchen auf seiner Töpferscheibe dreht. Ein Regierungsprogramm fördert den Erhalt des Handwerks indem es die Abnahme der Waren zu Festpreisen garantiert. Vor dreißig Jahren war es selbstverständlich, dass man in Zügen, am Bahnhof und unterwegs auf den Straßen Tee oder Kaffee in Tassen aus ungebranntem Ton serviert bekam, die man nach der Benutzung einfach auf den Boden warf. Das war bequem und richtete keine bleibenden Schäden an, denn das Geschirr zerfiel zu Staub und war spätestens nach dem nächsten Regen spurlos verschwunden. Die Sitte des Wegwerfens ist geblieben. Nur werden die Getränke heute in Plastikbechern serviert, die bekanntlich nicht verrotten und jetzt überall die Gegend verschandeln.
Töpfer an der Drehscheibe
Zum nächsten Stopp lädt ein Bauerndorf am Straßenrand ein. Die Gassen sind sauber, die meisten Hütten gut hergerichtet. Es sind fast nur junge Mädchen und Großmütter zu Hause, die auf die Kinder aufpassen. Ein paar halbwüchsige Jungs trainieren den indischen Volkssport: Kricket. Sie freuen sich, als ein paar von uns einige Schläge mitspielen. Eine alte Frau lacht mit uns, fragt dann aber fast verschämt nach Geld. Die Ernte sei in diesem Jahr so schlecht gewesen. Ich habe den Eindruck, dass sie keine gewohnheitsmäßige Bettlerin ist und stecke ihr heimlich einen größeren Schein zu.
Dorfszene

Ankunft in Khajuraho. Das Dorf lebt nur vom Tourismus. Ursprünglich gab es in Khajuraho etwa 80 Tempelbauten verstreut auf einer Gesamtfläche von ca. 21 Quadratkilometern – heutzutage sind davon nur noch etwa 20 erhalten, von denen die meisten in zwei Gruppen stehen. Die Tempel entstanden zwischen dem 10. und 12. nachchristlichen Jahrhundert als Khajuraho Zentrum eines blühenden Königsreichs war. Danach gerieten Ort und Tempel in Vergessenheit, Dschungel wucherte über die Bauten. Erst um 1900 wurden die Tempel von britischen Beamten auf der Jagd entdeckt. Mit der Freilegung und Verbreitung der Nachricht über den archäologischen Fund, ließ man sich zunächst etwas Zeit. Die erotische Freizügigkeit zahlreicher Darstellung schockte die puritanischen Entdecker. Tatsächlich stellen manche der Figuren drastische Darstellungen der Sexualität dar: ein wahres Kamasutra in Stein.

Richtig erforscht und konserviert wurden die Tempelanlagen erst ab 1947 – nach der indischen Unabhängigkeit. 22 der Tempel sind heute zugänglich, einige davon befinden sich in einem hervorragenden Zustand. Besonders bekannt sind die Sandsteinfassaden einiger Tempel der westlichen Gruppe, die so fein wie Holzschnitzereien gearbeitet sind. Die Skulpturen stellen Szenen aus dem Tempelbereich dar, Tänzerinnen, Gottesdienste, aber auch das alltägliche Leben der Bauern und Handwerker ist zu sehen, ebenso wie kriegerische Szenen und die berühmt-berüchtigten erotischen Reliefs.

Die Tempel zählen heute zum Weltkulturerbe der UNESCO und machen den Ort zu einem der meistbesuchten Touristenziele in Indien. Entlang der Hauptstraße reiht sich ein Hotel ans andere. Unterkünfte gibt es fast für jedes Budget. Wir wohnen im Mittelklasse-Hotel Ramada. Zu den Tempeln der sogenannten westlichen Gruppe sind es von hier aus nur wenige hundert Meter. Unterwegs beobachten wir am Flussufer wieder eine Pilgertruppe, die ihren Ganesha ins Wasser versenken will. Später am Abend werden wir noch zahlreiche weitere Pilgerfahrzeuge sehen, beladen mit tanzenden und singenden Gläubigen, die ebenfalls ihre Götterfiguren zum Wasser schaffen.

Tempel der westlichen Gruppe in Khajuraho

Wir haben nicht sehr viel Zeit, uns die Tempel in aller Ruhe anzuschauen. Es wird bald dunkel. Mich stört das nicht zu sehr, ich war schon oft hier. Als ich auf einer Bank sitze und das Treiben beobachte, spricht mich eine Gruppe junger Frauen an. Sie seien Angestellte des Tourismus-Ministerium in Raipur. Ob ich schon mal etwa von ihrem Heimatstaat Chhattisgarh gehört habe. Als ich erkläre, dass ich sogar schon dort war und die touristischen Highlights des Gegend Sirpur, Kawardha, Jagdalpur, Rajim etc. aufzähle, die ich aufgesucht habe, sind sie ganz aus dem Häuschen.

Zum Nachtessen im Ramada-Hotel gibt’s wieder mal Folklore als Begleitmusik: laut, wild und mitreisend. Und da sich herumspricht, dass ein Mitglied unserer Gruppe heute Geburtstag hat, dürfen (müssen) wir mitmachen. Weil den anderen Gästen wohl der Lärm etwas auf die Nerven geht, sind wir bald unter uns.

28. September 2015

Heute Vormittag steht die Besichtigung der östlichen Tempelgruppe auf dem Programm. Sie ist nicht ganz so spektakulär, weil die interessanten Reliefs mit einer dicken Gipsschicht verputzt sind. Erst jetzt beginnt man sie nach und nach freizulegen. Direkt neben den Tempeln gibt es einige Herbergen, wo Pilger kostenlos saubere Übernachtungsmöglichkeiten finden. Etliche Gebäude der östlichen Gruppe sind von Angehörigen der Jains gestiftet.

Jain-Tempel der östlichen Gruppe in Khajuraho

Nur 45 Autominuten von Khajuraho könnte man im Panna-Nationalpark die Chance nutzen, freilebende Tiger in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen. Dort konnten – nach mehreren vergeblichen Versuchen – etliche der vom Aussterben bedrohten Großkatzen wieder angesiedelt werden, für die es in anderen Schutzgebieten keinen Platz mehr gab.

2012 wurden erstmals wieder junge Tiger in Panna geboren, ein Beweis für den Erfolg des Umsiedlungsprogramms.

Wer in Khajuraho Station macht, sollte nach Möglichkeit mindestens einen Tag Zeit für einen Abstecher nach Panna einplanen. Wir haben die Zeit leider nicht. Außerdem ist das Schutzgebiet zurzeit für Besucher geschlossen – Sommerpause. Das Reservat wird erst Ende Oktober wieder geöffnet.

Nach dem Mittagessen im Radisson Jass Hotel (früher ein Haus der Oberoi-Kette) machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. Unser Flug nach Delhi startet vom alten Airport, obwohl gleich nebenan ein mistneuer Flughafen fix und fertig ist.
Seiner Inbetriebnahme stehen aber keine baulichen Mängel entgegen, wie etwa in Berlin. Der zuständige Minister hat bisher keine Zeit gefunden, die offizielle Eröffnung vorzunehmen. Wann er es tun wird, wissen die Götter, sagt man.

Nach umständlichen und zeitraubenden Check-in und Sicherheitsprozeduren warten wir auf den Abflug. Endlich – mit über einstündiger Verspätung ist das Flugzeug zum Einsteigen bereit. Wir sind im hinteren Bereich der Maschine platziert. Aus der Bordtoilette stinkt es erbärmlich. Jemand hat das Klo mit einem vollgeschissenen Windelpaket verstopft. Zum Glück verrammelt ein Steward die Tür.

Nach einem Zwischenstopp in Varanasi erreichen wir schließlich Delhi und werden zum Hotel Taj Palace gebracht. Dort sind die Mitglieder von zwei anderen Gruppen, die mit dem DRV und der FVW unterwegs waren, schon bei der Suppe. Nur die Kashmir-Delegation ist noch im Zug von Amritsar nach Delhi unterwegs.

Schon beim ersten Erfahrungsaustausch wird deutlich. Alle sind restlos von Indien begeistert.

29. September 2015

Heute sollen die Highlights von Delhi begutachtet werden. Aber was sind die Höhepunkte einer solch riesigen Stadt? Für mich gehört auf jeden Fall ein Bummel durch die engen Gassen der Altstadt zwischen Chandni Chowk (dem Souk der Silberschmiede) und der Jama Masjid (der großen Freitagsmoschee) dazu. Das ist aber ein Unternehmen, das man lieber allein oder zu zweit unternimmt als mit einer Busladung von Touristen.

Es ist noch früh am Vormittag, die meisten der zum Teil winzig kleinen Läden sind noch geschlossen. Zur Hauptverkehrszeit ist es hier viel spannender, aber dann ist hier kein Durchkommen für eine größere Gruppe.

An einer Ecke warten Männer unterschiedlichsten Alters. Einige hocken nur so da. Andere haben Handwerkszeug dabei: Pinsel und Farbeimer, Spitzhacke, Spaten oder Maurerkelle – Tagelöhner, die hier nach Bedarf von Auftraggebern aufgesammelt werden – von Hausbesitzern, Bauunternehmern oder auch von einem Hausmeister der zahlreichen Behörden. Wenig Freude bereitet es, wenn Polizeibeamte auf dem Plan erscheinen. Die kümmern sich weniger um die Einhaltung etwa von Arbeitsschutzmaßnahmen, sondern suchen eher nach billigen Kulis für irgendwelche Dreckarbeiten, die schlecht oder öfter auch gar nicht bezahlt werden.

Enge Gassen in der Altstadt von Delhi

Als ich mich ein wenig von der Gruppe absetze, gerate ich unversehens unter die Halsabschneider, die in einer Ecke Hühner um einen Kopf kürzer machen. Da will ich nicht genauer hinschauen. Nebenan geht es aber auch nicht weniger blutig zu. Da schauen angepflockte Ziegen und Schafe fast ungerührt um nicht zu sagen blöd glotzend zu, wie Artgenossen der Garaus gemacht wird. Ob Sie überhaupt nicht mitkriegen, dass Sie bald schon auch an der Reihe sind?

Die meisten Geschäfte hier werden von Juwelieren und Tuchhändlern betrieben. Deshalb ist vormittags hier noch nicht so viel los. Nachmittags und in den frühen Abendstunden drängen sich hier Mütter mit Töchtern. Es wird um Schmuck und teure Saris für die Hochzeiten gefeilscht.

Obsthändler in Altstadt von Delhi

Ein Kapitel für sich sind die Elektroinstallationen, die man in ihren typisch indischen Ausprägungen hier hervorragend begutachten kann: Ein Gewirr von abenteuerlich verschlungenen Kabeln und Leitungen spannt sich über die Gassen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn es mal einen Kurzschluss gibt. Noch unheimlicher, wenn man bedenkt, dass es in unmittelbarer Nähe von Geschäften und Produktionsstätten für Feuerwerkskörper und ähnlich pyrotechnische Artikel nur so wimmelt.

Ich überlege, wie hier ein Elektriker wohl ein defektes Kabel austauschen will. Wie findet er es überhaupt? Gar nicht – er legt einfach eine neue Leitung. Die alte bleibt wo sie ist und so vergrößert sich der Kabelsalat.

Hochzeitsschmuck in der Altstadt von Dehli

In der Rush-Hour ist die Altstadt bevorzugtes Operationsgebiet von Taschendieben. Da jetzt hier nicht so viel los ist, üben sie jetzt wohl ihren Beruf in der großen Moschee aus. Jedenfalls vermisst später ein Mitglied unserer Gruppe genau hier seine Barschaft. Die Freitagsmoschee thront wie eine Festung über der Altstadt und ist das größte muslimische Gotteshaus in Indien. Im Hof können sich gleichzeitig 20 000 Gläubige zum Gebet versammeln. Am Eingang gibt es eine strenge Kontrolle. Die Schuhe müssen draußen bleiben, Taschen und Kameras deponiert werden. Mobiltelefone sind erlaubt und werden eifrig benutzt. Auch zum Fotografieren. Für Frauen gilt eine strikte Kleiderordnung. Westliche Kleidung ist tabu.

Große Kittel werden ausgegeben, mit denen sich die Damen zu kostümieren haben. Ein eigenartiger Karneval. Ein Mann füttert Tauben. Ich frage ihn, warum er die Ratten der Lüfte auch noch anlockt. Er mache das im Auftrag der Moschee. Dadurch konzentrierten sich die Tauben an einer bestimmte Stelle und verteilten ihren Dreck nicht über das gesamte Gelände.

Von der Moschee hat man einen guten Blick auf die Altstadt und kann beobachten, dass sich dort ganze Horden diebischen Gesindels herumtreiben und versuchen alles Mögliche aus Läden und Zimmern zu stibitzen: Affen. Die Rhesus-Makakken sind mittlerweile in vielen Städten Indiens zur Landplage geworden. So auch im Dschungel der Großstadt Delhi. Hier sorgen geschätzt zehn- bis zwanzigtausend Vertreter ihrer Art für „Spaß“. Als Verwandte des beliebten Affengottes Hanuman sind sie Hindus heilig und dürfen nicht getötet werden.

Mit unterschiedlichen Methoden und geringem Erfolg versucht man die Eindringlinge zu vergrämen. Die erfolgreichste bestand bisher darin, mit abgerichteten Affen vom Stamm der Languren, einer größeren und stärkeren Art, die Makakken zu vertreiben.

Seit 2012 ist jedoch die Haltung von Languren aus Gründen des Tierschutzes untersagt. Seither machen sich Spezialisten selbst zum Affen und erschrecken im Affenkostüm die Plagegeister, indem sie unverhofft aus Hecken und Büschen, aus Ecken und anderen Verstecken hervorpreschen. Also werden bis auf weiteres ungebetene Gäste die Akten in den Regierungsbüros sortieren. So manche Verordnung soll auf diesem Weg schon buchstäblich ad acta gelegt worden sein. So richtig anzupacken, trauen sich auch Nichthindus die Affen nicht. Die Viecher sind nämlich obendrein oft Überträger der gefürchteten Tollwut.

Der prächtig uniformierte Wachsoldat am Gateway of Indie posiert gerne mit Besuchern

Die nächste Station der Stadtbesichtigung führt zum Zentrum des Regierungsviertels. 1911 hatte Georg V., König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und Kaiser von Indien die Verlegung der Hauptstadt von Kalkutta nach Delhi angeordnet. Er beauftragte die britischen Architekten Edwin Lutyens und Herbert Baker mit der Planung des neuen Regierungsviertels, das 1931 eingeweiht wurde. Mit der indischen Unabhängigkeit wurde Neu Delhi 1947 Sitz des indischen Parlaments und der Regierung.

Mittelpunkt des Regierungsviertels ist das India Gate auf einem riesigen Platz, an dem alljährlich am Tag der Republik, dem 26. Januar die protzigen Truppenparaden abgehalten werden. Der 42 Meter hohe Bogen des Bauwerks, das offiziell All India War Memorial genannt wird, ist gewissermaßen eine Kopie des Arc de Triomphe in Paris und erinnert an die 90.000 indischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für Großbritannien ihr Leben ließen.

Ich finde den Ort nicht besonders sehenswert, er ist mir zu wenig indisch. Besonders indische Touristen sehen das offensichtlich ganz anders. Viele lassen sich vor dem Bauwerk ablichten – von Freunden oder einem der viele professionellen Fotografen, die hier zuhauf herumlungern. Oder man schießt ein Selfie. Oft werden auch westliche Besucher darum gebeten, mit auf das Bild zu kommen. Ein pittoresk uniformierter Wachsoldat scheint eigens für Erinnerungsfotos und Selfies abgestellt worden zu sein. Jedenfalls posiert bereitwillig mit allen, die sich mit ihm ablichten lassen wollen. Ob das auch so ein Ablenkungsmanöver ist, wie das Taubenfüttern in der Moschee?

Bei der Busfahrt zur nächsten Station erleben wir den Alltag im Stau der Millionenstadt. Ein wahres Stopp und Go. Mindesten dreimal stehen wir vor jeder Ampel, bevor wir über die Kreuzung kommen. Bettler nutzen diese Zwangsstopps, um auf sich aufmerksam zu machen. Drei kleine Mädchen führen artistische Kunststücke vor, wollen sich ihr Bakschisch ehrlich verdienen. Eigentlich möchte man ihre Mühe belohnen. Andererseits würde man ihnen mit einer Spende bestätigen, dass Betteln mehr bringt als in die Schule zu gehen.

Der Qutb Minar, zugleich Sieges- und Wachturm aber auch Minarett, gilt als frühes Meisterwerk der indo-islamischen Architektur und zählt mit fast 72 Metern immer noch zu den höchsten Turmbauten der islamischen Welt. Seit 1993 ist er als Teil des Weltkulturerbes der UNESCO anerkannt. Eine Besteigung ist für Besucher nicht mehr erlaubt, seit 1981 bei einem Stromausfall und einer nachfolgenden Massenpanik 45 Menschen umkamen. Die Anfänge des Denkmal liegen vermutlich im 13. Jahrhundert. Seither wurde vielfach umgebaut und umgebaut. Die Grundmauern eines weiteren Turmbaus ganz in der Nähe lassen vermuten, dass ein noch kolossaleres Bauwerk geplant war, das aber nicht fertiggestellt wurde.

Der Qtab Minar und die Ruinen der alten Moschee

Im Innenhof des Moschee-Komplexes befindet sich eine uralte Säule aus nichtrostendem Eisen, die wahrscheinlich zur Zeit des Gupta-Herrschers Chandragupta II. im vierten nachchristlichen Jahrhundert in der Nähe von Sanchi in Madhya Pradesh zu Ehren des Gottes Vishu errichtet wurde. Wie und wann die Säule nach Delhi kam und warum dieses hinduistische Heiligtum ausgerechnet in einer Moschee platziert wurde, darüber streiten sich die Gelehrten. Im Volksglauben wird behauptet, dass derjenige, der sich mit dem Rücken an die Eiserne Säule stellt, sie rückwärts mit den Händen umfasst und dessen Fingerspitzen sich dabei berühren, besonders viel Glück haben solle. Vor vielen Jahren habe ich das mal versucht, weiß aber bis heute nicht, ob ich’s glauben soll. Seit 1997 lässt sich die Probe aufs Exempel nicht mehr machen. Ein Zaun schützt die Säule vor der Annäherung.

Das Besichtigungsprogramm in Delhi ist nun zu Ende. Es gäbe noch viel mehr zu sehen. So zum Beispiel Bangla Sahib Gurdwara, den wichtigsten Tempel der Sikh-Religion in der indischen Hauptstadt, wo man einen guten Eindruck von Riten dieser Glaubensrichtung bekommt. Oder Gandhi Smriti. Hier verbrachte Mahatma Gandhi die letzten 144 Tage seines Lebens, bevor er am 30. Januar 1948 einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Für mich ist dieses Museum eines der magischsten Orte in Delhi, viel berührender als etwas Raj Ghat, die Verbrennungsstätte des Freiheitskämpfers am Flussufer. Die ist zum Glück heute wegen eines Feiertags geschlossen, so dass mir der Besuch an diesem eher nüchternen Ort erspart bleibt. Ohnehin braucht man nach fast einer Woche Dauertourismus mal etwas Zeit zum Luftschnappen.

Ich nehme mir diese Zeit, während meine Mitreisenden im Dilli Haat Markt auf Shopping-Tour gehen. Haat ist in Indien ein zentraler Markt, zu dem Händler und Erzeuger aus der Umgebung an bestimmten Wochentagen kommen, um ihre Waren anzubieten oder zu tauschen. In Delhi ist dieser Markt eher eine touristische Einrichtung, die vor allem Kunsthandwerk, Textilien und Souvenirs aus den verschiedenen Regionen des Landes anbietet. Die Auswahl ist groß, der Eintritt zum Marktgelände kostenpflichtig, die Preise für indische Verhältnisse überteuert. Ähnliche Waren bekommt man auf einem der vielen „normalen“ Märkte, die vorzugsweise von Einheimischen besucht werden, deutlich preiswerter. Ausländische Touristen können jedoch sicher sein, dass auf dem staatlich kontrollierten Dilli Haat qualitativ gute Produkte angeboten werden.

Für den Abend ist ein großes Zusammentreffen der deutschen Delegation mit indischen Touristikern angesetzt. Es findet im Garten des ITC Maurya Hotels statt, einem der vielen 5-Sterne-Häuser in der Defense Colony von Delhi. Hier gibt es neben zahlreichen militärischen Einrichtungen auch etliche Nobelhotels. Das Militär genießt in Indien ein hohes Ansehen. Entsprechend ist eine Wohnung in der Defense Colony prestigeträchtig. Obwohl es vom Taj Palace Hotel bis zum Maurya nur wenige Fußminuten sind, fahren wir mit dem Bus. In Indien geht niemand, der etwas auf sich hält, unnötig zu Fuß.

Die Gastgeber haben ein überaus anspruchsvolles Buffet aufgefahren. Neben indischen Spezialitäten gibt es einen Stand mit westlichen Speisen. Zunächst stehen wir uns bei Drinks und Snacks die Beine in den Bauch. So ist das eben in Indien. Vor dem Essen kommt das Trinken. Und das nicht zu knapp: Wein, Bier, wenn’s unbedingt sein muss auch schlichtes Wasser. Da ich seit meinem Schlaganfall vor ein paar Wochen keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt habe, bleibe ich jetzt auch beim Wasser. Die indischen Teilnehmer der Veranstaltung bevorzugen härtere Getränke, vornehmlich Whisky.

Erst nach einigen Drinks und gefühlt zwei Stunden wird das Buffet eröffnet. Wer sich bis dahin noch nicht mit Snack vollgestopft hat, lädt sich den Teller voll und sucht sich einen Platz an einem der Tische. Ich begnüge mich mit etwas Salat und lasse mich erleichtert in einen Stuhl sinken. Neben mir nimmt eine der indischen Tourismus-Größen zum Essen Platz: Subash Goyal ist der Präsident der IATO, dem Verband der Indischen Reiseveranstalter. Er wird die morgige Konferenz eröffnen. Es träfe sich gut, meint er, dass er direkt neben mir Platz sitze. Da könne ich ihm doch bei der Gelegenheit ein paar Begrüßungssätze auf Deutsch beibringen. Ich schreibe ihm ein Grußwort auf und versuche ihm die richtige Aussprache beizubringen. Ich habe schon sprachbegabtere Inder kennengelernt und bezweifele insgeheim, dass jemand morgen früh irgendjemand aus seinem Kauderwelsch deutsche Töne heraushört.

Dann verlangt jemand nach dem Präsidenten. Ich kann mich klammheimlich verdrücken und schlendere zu Fuß zurück zu meinem Hotel. Unterwegs wundere ich mich über die zahlreichen Soldaten, die hier zuhauf patroulieren. Aber wird sind ja schließlich in der Defense Colony.

30. September 2015

Am Morgen werden wir zum Kongressort gebracht. Es ist das Ashoka Hotel. Es gehört zu den 5-Sterne-Häusern in Delhi und ist eines der wenigen verbliebenen staatlichen Häuser. Die meisten der einst staatlichen Hotels werden heute privat geführt. Das garantiert eine professionelle Organisation und Leitung. Früher wurden oft verdiente Beamte zu Hotelchefs gemacht, die meist ihre Erfahrungen in anderen Bereichen, zum Beispiel Straßenbau oder Tierzucht, in seltensten Fällen im Tourismus gemacht hatten.

Der Tagungsraum ist stark klimatisiert, um nicht zu sagen unterkühlt. Ein Glück, dass man uns angewiesen hat, im Business-Outfit zu erscheinen. So bin ich im Anzug relativ gut auf das eisige Klima vorbereitet. Im Gegensatz dazu schnattern einige Damen ganz gehörig und werden wohl eine saftige Erkältung als Andenken aus Indien mit nach Hause nehmen.

Subash Goyal repetiert noch einmal mit mir seinen Text. Ich sage ihm, dass alle Teilnehmer ja sehr gut Englisch sprechen und er deshalb die Begrüßung auch auf Englisch vornehmen könne. Er besteht aber darauf, seine Deutschkenntnisse vorzuführen.

Der gute Wille wird tatsächlich honoriert und die Veranstaltung nimmt ihren Lauf. Statt des ursprünglich angekündigten Ministers vertritt Staatssekretär Suman Billa das Ministerium für Tourismus. Und das ist auch gut so. Wahrscheinlich hat der Minister sowieso keinen blassen Schimmer von der Thematik. Suman Billa dagegen war immerhin schon einige Jahre Staatssekretär für Tourismus in Kerala.

Auf dem Podium v.l: Hans-Jörg Hussong (COMTOUR), Ulrike Ostertage (Tischler Reisen), Susann Heintze (Chamäleon), Holger Baldus (Marco Polo) , Alexandeler Metzler (Enchanting Travels) und Klaus Hildebrandt (FVW)

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen anderer deutschen Indienveranstalter nehme ich an einer Podiumsdiskussion teil. Klaus Hildebrandt, der Chefredakteur des führenden Branchenblatts fvw moderiert die Diskussion. Es geht um die Perspektiven des Tourismus in Indien. Alle deutschen Podiumsteilnehmer – Ulrike Ostertag von Tischler Reisen, Susann Heintze von Chamäleon, Holger Baldus von Marco Polo, Alexander Metzler von Enchanting Travels sowie meine Wenigkeit für COMTOUR – sind einmütig vom großen touristischen Potential Indiens überzeugt und wünschen sich, dass die indische Regierung alle Maßnahmen ergreift, um das Image von Indien in den Medien zu verbessern. Unser Rat: Mehr Journalisten und Reisebüros zu Famtrips einladen. Das sind die besten Multiplikatoren.

Am Nachmittag präsentieren die vier Reisegruppen, die in der vergangenen Woche in verschiedenen Regionen Indiens unterwegs waren, ihre Berichte. Fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Reise mit gemischten Gefühlen angetreten, viele waren verunsichert durch zum Teil abschreckende Meldungen in den Medien, manche verstört durch Warnungen von Freunden und Verwandten. Aber alle ohne Ausnahme haben die Erfahrung gemacht, dass Indien ein tolles Reiseland ist, dass die indische Bevölkerung überaus gastfreundlich ist: Niemand hat sich auch nur ein einziges Mal unsicher oder gar bedroht gefühlt. Alle durch die Bank wollen diese Botschaft an ihre Kunden weitergeben und Reisen nach Indien anbieten.

Im Anschluss gibt es bei einer kleinen Messe Gelegenheit, das Angebot verschiedener indischer Incoming-Agenturen kennen zulernen. Für mich ist nichts Neues dabei. Schließlich kenne ich mich mit meiner fast 34-jährigen Erfahrung in Indien oft besser aus als viele der indischen Anbieter. Ich wundere mich mal wieder darüber, wie wenig innovativ die meisten indischen Agenturen sind. Wenn eine Idee erfolgreich scheint wird sie gnadenlos kopiert.

Am Abend steigt ebenfalls im Ashoka-Hotel die große Abschiedsparty. Höhepunkt ist eine mitreißende Tanzshow zu heißer Bhangra-Musik. Bhangra ist ursprünglich ein Volkstanz aus dem Punjab im Nordwesten Indien, das hauptsächlich von Sikhs bewohnt wird. Es gibt keine festgelegten Schritte und Muster, deutlichstes Merkmal ist der treibende Rhythmus der großen Dhol-Trommeln. Heute ist Bhangra zu der Popmusik Indiens geworden, die nicht nur in allen Teilen Indiens beliebt ist, sondern auch überall wo Inder leben – in London, genauso wie in New York, Toronto, Durban oder Köln.

Auch heute hält es kaum jemand auf den Stühlen. Als die Tänzer das Publikum auffordern mitzumachen, tobt bald der ganze Saal. Als einer der wildesten Tänzer zeichnet sich Subash Goyal aus, der die Beine schmeißt, als wolle er sie sich selbst ausreißen. Ein fulminantes Finale. Erst als der Ausschank eingestellt wird, begreifen alle, dass der Spaß jetzt ein Ende hat. Morgen geht es schließlich wieder zurück nach Deutschland.

1.Oktober 2015
Wieder im Dreamliner der Air India auf dem Rückweg nach Deutschland. Während des Wartens auf dem Flughafen konnte ich mich noch einmal davon überzeugen, dass der Flughafen der indischen Hauptstadt durchaus internationales Niveau hat. Shops, Lounges, Restaurants und Sanitäranlagen sind gepflegt und State of the Art. Die Air India Maschine ist diesmal auch besser in Schuss als auf dem Hinflug, das Personal freundlicher. Aber offensichtlich hat es beim Laden der Bordverpflegung eine Panne gegeben.

Es gibt nicht genug vegetarische Gerichte und wer einen Weißwein bestellt, bekommt stattdessen ungefragt zwei Fläschchen Rotwein.

Ich habe einen Gangplatz im Mittelblock ziemlich hinten in der Maschine. Ganz bequem – aber durchweg alle Monitore in diesem Teil spinnen. Weder die Airshow mit der Information über die Strecke noch Filme oder das Musikprogramm lassen sich einstellen. Wenn man es mal geschafft hat, seinen Sitzmonitor zu starten und ein Programm aufzurufen, verabschiedet es sich spätestens nach 30 Sekunden wieder.

Ich habe also reichlich Zeit, eine Bilanz dieser Reise zu ziehen. Vor kurzem hat mich ein potentieller Kunde, der schon mal in Indien war, aufgefordert, bei der Ausarbeitung seiner Reise all die Stationen auszusparen, die er bei früheren Reisen schon einmal gestreift hat. Die kenne er doch alle schon, die seien nicht mehr interessant für ihn. Was soll ich da sagen nach geschätzt 80 Indienreisen in den vergangenen 34 Jahren? Diesmal ging es ja an Orte, die ich zuvor schon mehrfach gesehen hatte? Habe ich mich deshalb etwa gelangweilt? Nicht einen Moment!

Gerade weil ich viel Altbekanntes wiedergefunden habe, konnte ich mich auf spannende Kleinigkeiten konzentrieren, die die meisten Mitreisenden, für die fast alles neu war, übersehen haben. Ich habe gewissermaßen meine Umgebung gescannt, Vertrautes in seinen bekannten Zusammenhang einsortiert und all das, was darüber hinaus aufgefallen ist, mit besonderer Aufmerksamkeit bewertet. Vorhersehbare Alltagssituationen wurden registriert, etwaige Abweichungen und Erweiterungen dem im Gedächtnis gespeicherten Wissensfundus hinzugefügt. Nur so kann ich mir selbst erklären, dass eine 08/15-Reise letztlich so viel Stoff für diesen Blog-Beitrag abgeben konnte.

Zum Schluss noch einmal Ärger mit der Bahn. Der ICE vom Flughafen Frankfurt ist rappelvoll. Überall stehen Koffer im Weg, Passagiere drängen sich in Gängen und zwischen den Wagons. Wir haben zwar keine Reservierung, das hätte uns aber sowieso nicht weitergeholfen. Mal wieder wurde die Wagenreihenfolge vertauscht. Wie bequem war da doch die Fahrt mit der indischen Eisenbahn von Agra nach Jhansi. In Indien war sowieso (fast) alles besser.

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