Im Dienst der Hygiene – Begleitmusik für Freiluftpisser

Heute habe ich buchstäblich ein Scheißthema auf der Pfanne, das ich in meinem Bericht über eine Bahnfahrt von Cochin nach Gokarna einmal kürzlich schon am Rande gestreift habe. Jetzt verlangt ein Bericht in der „Times of India“ nach Vertiefung. Die Zeitung schreibt von einer Initiative gegen vielfach praktizierten öffentlichen Stoffwechsel.  In 34 Dörfern rund um die Bezirkshauptstadt Jhunjhunu (im Shekavati-Gebiet)  wird Freiluftpinklern der Kampf angesagt.  Wer sich dort zum Wasserlassen an einen Baum stellt oder zum großen Geschäft öffentlich  in die Hocke geht, muss damit rechnen, dass seine Vorstellung von lautem Trommeln und Pfeifen bestört  wird. Zu diesem Zweck wurden eigens Jugendliche rekrutiert, die die Sünder vor allen Augen bloß stellen.

Wohl jeder kennt das Problem: wer muss und nicht kann, weil kein Stilles Örtchen in Sicht ist, kommt schnell gehörig in Not. Wir Männer haben da einen anatomischen Vorteil, der uns befähigt, die Situation einigermaßen dezent zu bereinigen. Wobei bereinigen in diesem Zusammenhang ja wirklich nicht das passende Wort ist. Offensichtlich ist es hilfreich, wenn Mann beim kleinem Geschäft der Umgebung die Kehrseite zeigt, nach dem Motto: wenn ich diejenigen selbst nicht erkenne, die mich dabei erkennen könnten, ist das halb so schlimm. Frauen haben’s da aber deutlich schwerer. Aber was muss, dass muss. So erlebten wir kürzlich, wie direkt vor unserem Bürofenster eine reich mit Schmuck behängte Oma in die Hocke ging und später eine veritable Pfütze den Grund ihrer Niederlassung offenbarte.

Aber ich wollte ja das Thema aus indischer Perspektive behandeln. Wenn Mann muss, stellt es sich an einen Baum, an eine Mauer, gerne auch an eine Plakatwand. Indische Frauen müssen da deutlich zu Werke gehen. Ganz selten sieht man mal eine Frau beim öffentlichen Geschäft und man fragt sich schon, wie die Damen mit dem Wasser haushalten. Denn während es die Herren munter laufen lassen, halten sich die Damen in dieser Hinsicht bedeckt. Es scheint, bei ihnen wird die Endphase des Stoffwechsels vorzugsweise im Schutz der Nacht abgewickelt.

Nun fragt sich der ausländische Besucher: Haben die Leute zuhause kein Klo? Gibt es keine öffentlichen Bedürfnisanstalten? Gute Fragen! 80 Prozent der indischen Bevölkerung, also gut 850 Millionen Menschen leben auf dem Land. Traditionell haben nur wenige Dörfler eine eigene Toilette. Die meisten gehen aufs Feld, an den Bahndamm, die Fischer meist an den Strand. So lange die Dörfer klein sind und man weitgehend unter  sich bleibt, ist das kein größeres Problem. Mit dem nächsten Regen, der nächsten Dürre, der nächsten Flut sind die Hinterlassenschaften meist verschwunden.

Problematischer ist die Situation an den Badestränden, weil natürlich kein Tourist Lust auf ein Sonnenbad  zwischen Tretminen hat. Katastrophal ist die Lage in den Großstädten und hier vor allem an Orten, wo viele Menschen zusammen kommen und deshalb die Sache wirklich zum Himmel stinkt. Versuche, das Thema durch verstärkten Ausbau öffentlicher Toiletten-Anlagen in den Griff zu bekommen, waren bisher nicht gerade erfolgreich.

Wer nach den Gründen forscht, stößt dabei – so seltsam es scheinen mag – auf die typisch indischen Hygiene-Vorstellungen. Inder sind ihrem persönlichen Umfeld extrem  reinlich, während sie im öffentlichen Bereich absolut unempfindlich gegen Schmutz und Unrat zu sein scheinen. Dies scheint mir eine Folge des Kastenwesens zu sein. Die indische Verfassung akzeptiert zwar keine Kastenunterschiede mehr. Doch tatsächlich lähmen überkommene Vorurteile nach wie vor die politische, wirtschaftliche und eben auch hygienische Modernisierung des Landes.

Im Kastensystem sind die Untersten der Untersten gerade gut genug, für alle Darüberstehenden  den Dreck wegzumachen. Niemand, der etwas auf sich hält, käme auf die Idee, selbst das Klo zu putzen.  Schon Mahatma Gandhi hat dies angeprangert und deswegen sogar einen handfesten Krach mit seiner Frau gehabt. Weil Inder, wie gesagt, extrem reinlich sind und nach Möglichkeit mehrmals am Tag ein Bad nehmen, würden sie nie eine  verschmutzte Toilette benutzen. Deshalb meiden sie von vornherein die bei uns üblichen Sitzklos, um so jeden direkten Körperkontakt zu vermeiden. Und wenn es  mal gar nicht anders geht, quälen sich auch sonst eher unsportliche Inder, um sich auf die Brille zu stellen ­– meist mit weitreichenden Folgen für die folgenden Besucher.

Wenn Topf oder die nähere Umgebung des Toiletten-Lochs nicht sauber sind,  setzen sich Inder einfach vor die Hinterlassenschaft des Vorgängers, so dass nach kurzer Zeit der Weg von der Toilettentür bis zum eigentlichen Abort mit Tretminen übersät ist und man wirklich niemanden mehr die  Benutzung zumuten kann. Aus diesem Grund ist auch die gut gemeinte Idee, zum Beispiel Fischerdörfern öffentliche Toiletten zu spendieren bisher meist verpufft. Die einzige Chance, wie sich dies langfristig ändern könnte, wäre es,  Kindern von kleinauf klar zu machen, dass wer es sauber haben will, selbst mit für Sauberkeit sorgen muss. Gerade auch im öffentlichen Raum.

Wer in Indien eine saubere Toilette sucht, findet diese unterwegs oft nur in Privathäusern. Ich habe Situationen erlebt, wo wir unseren Fahrer baten, bei einem Privathaus zu fragen. Immer wurden wir freundlich aufgenommen und nach dem Geschäft oft mit Snacks, Bananen und Tee gefüttert. Was spätestens nach wenigen Stunden zwangläufig wieder eine ähnlich motivierte Kontaktaufnehme mit der lokalen Bevölkerung notwendig machte.

Eine der peinlichsten und letztlich doch witzigesten  Begegnungen während meiner vielen Indienreisen verdanke ich im Übrigen einer unzeitigen Darmaktivität. Es war während einer langen Autofahrt:  Ein üppiges Essen vom Vorabend verlangte nach Erlösung. Versuche, überschüssige Luft abzulassen, linderten die Not nur kurzzeitig. Dann deutete sich über die Nase an, dass der Schuss buchstäblich in die Hose gehen könnte.  Auf meine barsche Aufforderung trat der Fahrer in die Bremse. Mitten auf der Fahrbahn. Ich spurtete in das nächste Wäldchen, nahm Platz in einer Mulde und ließ der Natur ihren Lauf. Dass sich während ich so saß, ein Blutegel an meinem Bein hoch hangelte, störte mich in diesem Moment weniger. Dennoch ließ ich das Tierchen nicht aus den Augen. Bevor es sich festbiss ,wollte ich es abstreifen. Inzwischen aber  hatten sich, von mir bislang unbemerkt, Zuschauer eingefunden. Gut 30 Menschen, Kinder, Frauen, Männer drängten sic h am Rande meines „Verstecks“, um zu sehen, was der Ausländer da machte.

Peinlich, peinlich! Ich hatte nämlich gleich sowohl Hose als auch Unterhose ausgezogen, und wusste jetzt nicht, wie ich mit Anstand wieder hineinsteigen sollte. Zumal ich mich noch nicht gereinigt hatte. Papier hatte ich nicht dabei, großblättrige Pflanzen waren außer Reichweite und meine Beobachter standen dicht an dicht am Rand meiner Grube. Ohne zu Lachen, aber auch ohne den Blick von dem komischen Ausländer zu wenden.

Ich weiß nicht, wie lange die peinliche Situation dauerte, wenige Sekunden nur oder etliche Minuten? Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Da nahte die Erlösung in Gestalt eines Kindes. Ein Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt,  stellte ein mit Wasser gefülltes Eimerchen an den Rand meines Refugiums und nur Augenblicke später hatten sich alle Beobachter diskret zurückgezogen.  Ich konnte  mich in Ruhe säubern und wieder anziehen. Als ich zurück zum Auto stapfte, war weit und breit niemand mehr zusehen.  Nicht mal jemand, bei dem ich mich bedanken konnte.

Wenn ich das nächste Mal wieder in die Gegend von Jhunjhunu komme,  werde ich gehörig aufpassen, damit mir ein kostenloses Konzert ganz allein für mich  erspart bleibt.  Aber vielleicht muss man bei solchen Gelegenheit bald in ganz Indien auf der  Hut vor  Krachmachen im Dienste der Hygiene sein.  Wenn das Projekt einschlägt, soll es nämlich auch anderswo eingeführt werden.

 

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