Endlich wieder in Calcutta oder Kolkata, wie meine Lieblingsstadt heute heißt

Ankunft in Kolkata

Endlich wieder in Kolkata – mehr als 35 Jahre nach der ersten Begegnung und rund zehn weiteren Besuchen seither. Schon beim ersten Mal, bei meiner allerersten Reise nach Indien im Spätherbst 1981, hat mich diese Stadt begeistert, damals hieß sie noch Kalkutta. 1982 hatte auch Konstanze ihre Kalkutta-Premiere. Damals waren wir zeitgleich mit Günter Grass hier, der eigentlich mindestens ein halbes Jahr bleiben wollte, aber schon nach kurzer Zeit Indien fluchtartig verlassen hat. „Zunge zeigen“, eines der schwächsten Werke des „Großdichters“, stößt in das Horn derer, die meine absolute Lieblingsstadt gern als „Hölle auf Erden“ bezeichnen. Ich liebe diesen Ort vor allem wegen seiner Menschen, die Fremden warmherzig, freundlich, humorvoll und interessiert begegnen.

Wir sind mit der indischen Billigfluglinie Indigo von Kochi in Kerala und einer Zwischenlandung in Bengaluru planmäßig hier angekommen. Den großzügig renovierten internationalen Flughafen haben wir schon bei unserem letzten Besuch vor zwei Jahren gebührend bewundert, jetzt präsentiert sich auch der Bereich, in dem die Inlandsflüge abgewickelt werden, modern und sauber. Selbst die Toiletten, früher auf indischen Flughäfen der reinste Horror, sind picobello.

Die Gepäckausgabe funktioniert reibungslos, schon nach wenigen Minuten können wir unsere Koffer vom Band wuchten. Draußen wartet schon unser Fahrer und los geht es Richtung Innenstadt. Es ist „rush hour“ mit den üblichen Staus aber dennoch kommen wir eigentlich zunächst ganz flott voran. Ein abgezäunter, gepflegter Grünstreifen trennt die jeweils zweispurigen Fahrstreifen der vierspurigen V.I.P. Road.

Glockenturm im Kleinformat Dann überrascht uns ein bisher unbekannter Anblick: An einer Kreuzung, die sonst eher von hässlichen Zweckbauten umgeben ist, drängt sich eine 30 Meter hohe Kopie des Londoner Wahrzeichens Big Ben in den Blick. Das Original im Londoner Stadtteil Westminster ist etwa dreimal so hoch – nicht zuletzt deshalb erntet dieses wunderliche Bauwerk eher Spott als stolze Anerkennung vieler Einwohner von Kolkata. Vor allem die Anhänger der kommunistischen Partei, die Jahrzehnte im Bundesstaat Westbengal regierte, sehen in dem Glockenturm eher eine Anbiederung der jetzigen Ministerpräsidentin Mamata Banerjee an die einstige Kolonialmacht Großbritannien. Irgendwie mutet es schon komisch an, dass in Kolkata so viele großartige historische Gebäude dem Verfall überlassen werden und zugleich mit riesigem Aufwand die Miniatur einer englischen Landmarke die einstige Bedeutung der Stadt in Erinnerung rufen soll.

Knochenarbeit der Rikscha-Männer

Wir nähern uns der Innenstadt, der Verkehr wird dichter, die Straßen enger, die Szenen immer indischer. Ja, auch deshalb liebe ich Kolkata. Weil es hier indischer zugeht, als in jeder anderen Stadt des Landes: bunter, exotischer, wuseliger – hier sieht man noch, was es anderswo längst nicht mehr gibt. Zum Beispiel die zweirädrigen Rikschas, die jeweils von einem Mann gezogen werden.

Darf man bestaunen, wie ausgemergelte Jammergestalten die schweren Gefährte samt den gewichtigen Passagieren oder schwerer Lasten durch den Verkehr bugsieren? Darf man solche Sklavenarbeit mit nostalgisch verbrämten Blick genießen? Ich habe immer ein schlechtes Gewissen dabei. Andererseits kämpfen die Rikscha-Männer erbittert um den Erhalt ihres Broterwerbs. Schon vor Jahren sollte die Menschen schindende Tätigkeit verboten werden. Ein Aufstand der Rikscha-Männer legte daraufhin fast das gesamte öffentliche Leben der Großstadt lahm.

Ich habe vor einigen Jahren mehrere Rikscha-Männer interviewt und musste von allen hören, dass die Knochenarbeit zwar grausam hart sei, aber wenigstens ein Einkommen verspreche. Viele zogen die elende Schinderei der Arbeitslosigkeit vor, um ihren Familien, die oft im bitterarmen Bundesstaat Bihar zurück geblieben waren, Geld schicken zu können. Die meisten Rikschas gehören reichen Großunternehmen, denen die Fahrer tägliche Mieten von ihren Einnahmen abgeben müssen.

Der Protest der Rikscha-Besitzer und -fahrer führte dazu, dass Rikschas heute nur auf den Hauptverkehrsstraßen der Innenstadt verboten sind. Schon in der nächsten Seitenstraße warten sie wieder auf Kunden und in den ganz engen Gassen sind sie manchmal sogar das einzig verfügbare Transportmittel.

Ein Hotel mit bewegter Geschichte

Wir haben mittlerweile unser Hotel erreicht, das „Lalith Great Eastern“. Auch das ist so eine Art Sehnsuchtsort. In den 1980 Jahren haben wir uns immer hier einquartiert. Damals hatte das Haus seine besten Zeiten längst hinter sich.

Mehr als einmal sahen wir damals Ratten durch die Flure huschen; die Kellner in ihren sauberen aber schon recht abgetragenen Uniformen schienen fast so halt, wie das Haus selbst. Stecknadeln an Stelle ausgerissener Knöpfe hielten die zerschlissenen Jacken zusammen, dennoch strahlten die Servierer eine gewisse altersweise Würde aus.

Manche erzählten von besseren Zeiten, als Mark Twain das Haus als „Juwel des Ostens“ (1895) pries, dessen Kollege Rudyard Kipling wenige Jahre zuvor hier Gedichte schrieb, Mahatma Gandhi mit einem Hungerstreik für die Versöhnung von Hindus und Moslems protestierte (1947), Ho Chi Minh (1958) und Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1960)den bengalischen Genossen ihre Version vom Kommunismus empfahlen, Königin Elisabeth II. bei Ihrer ersten Royal Tour durch Indien hier logierte (1961).

Als die Jazzheroen Dave Brubeck (1958) und Duke Ellington (1863) den Flügel, der heute noch (allerdings aufwändig restauriert) in der Lobby erklingt, zum Swingen brachten. Solche Glanzzeiten waren Anfang und Mitte der 1980-er Jahre, als wir hier Quartier bezogen, also nicht vergessen, aber erst einmal vorbei. Die Preise waren deshalb so zivil, dass selbst wir Rucksack-Touristen uns damals den verblichenen Luxus leisten konnten.

Entsprechend enttäuscht waren wir, als wir nach einigen Jahren vor verschlossener Tür standen. Das Hotel hatte 2005 dicht gemacht. Wir befürchteten schon, dass es abgerissen würde, schließlich belegt es ein Filetstück im Herzen der Stadt. Lange war die Zukunft des Hauses ungewiss, dann erhielt die Lalith-Hotelkette den Zuschlag und begann mit der Kernsanierung. Mehr als acht Jahre dauerte die Renovierung ehe das Hotel wieder eröffnen konnte. Aber auch jetzt, mehr als drei Jahre später, ist die Front zur Hauptstraße noch teilweise hinter Bauzäunen versteckt, Nobel-Geschäfte, die dort untergebracht werden sollen und die darüber liegenden Zimmerfluchten, sind immer noch nicht fertig.

Zufahrt und Haupteingang liegen jetzt in der Seitenstraße. Dass das Haus sehr feinfühlig und stilsicher restauriert und erweitert wurde, davon konnten wir uns schon bei einem Rundgang während unseres letzten Besuchs überzeugen. Damals konnten wir leider nicht hier wohnen, weil unser Partner in Delhi es besonders gut mit uns zu meinen glaubte, als er uns im supermodernen Hyatt-Hotel unterbrachte. Dabei habe ich ihm schon hundert Mal zu verstehen gegeben, dass ich solche architektonisch langweiligen Unterkünfte geradezu hasse, vor allem wenn Sie auch noch weit von der Innenstadt entfernt versteckt sind.

Das ist beim Great Eastern ganz anders. Gleich vor dem Ausgang, in der Waterloo Street, ist man mitten im Getümmel der Altstadt. Deshalb haben wir darauf bestanden, dass wir diesmal wirklich hier wohnen können, auch wenn der Zimmerpreis unser Budget deutlich überschreitet. Wir beziehen unser Zimmer, freuen uns über die unaufdringliche Einrichtung, den Blick aus dem Fenster auf das Gewusel der Waterloo Street, genießen die Dusche, regulieren die eiskalte Klimaanlage auf angenehme Zimmertemperatur und starten zum ersten Bummel. Im Foyer „bewundern“ wir ein schrecklich stümperhaftes Gemälde und wundern uns nicht mehr, als wir der Bildunterschrift entnehmen, dass es sich um ein (Mach-)Werk von Mamata Banerjee, der aktuellen Regierungschefin des Bundesstaates Westbengalen, handelt.

Der erste Bummel durch die Gassen

Die Bilder, die sich uns draußen vor dem Hotel in Waterloo Street bieten, begeistern uns viel mehr. Gleich nebenan entdecke ich einen Mann, dem ich möglichst bald meine Aufwartung machen will. Der mobile Friseur hat vor dem Hintergrund eines riesigen Filmplakats seinen improvisierten Behandlungsstuhl aufgebaut, der bescheidene Spiegel hängt in einer zugemauert Fensternische, sein Werkzeug – Schere, Rasiermesser, Rasierpinsel, Cremes, Kämme, Schaumbecher, Wasserflasche, Tücher – ist akurat auf der Fensterbank drapiert.

Aber jetzt haben wir erst Mal Hunger. Der wird an der nächsten Ecke an einem südindischen Imbiss gestillt. Das schmeckt ganz Okay, aber nicht sensationell. Schon bald sehen wir uns beim Weiterbummeln mit deutlich interessanteren Spezialitäten konfrontiert. Leider haben wir keinen Hunger mehr. Aber wir wollen ja noch ein paar Tage in Kolkata bleiben.

Einstweilen zwängen wir uns durch die Menschenmassen, die sich jetzt zur Feierabendzeit durch die engen Pfade drängen, die immer weiter über den Gehweg wuchernde Verkaufsbuden und mobile Stände mit allerlei Waren zwischen Bordstein und Hauswänden gelassen haben.

Eisenwaren, Bücher, Toilettenwaren, Obst und Gemüse, Textilien, Elektronik – ein Renner scheinen gerade Selfie-Sticks zu sein, die uns alle drei Meter vor die Nase gehalten werden. An der nächsten Ecke reiht sich ein Stand mit „Herrenmoden“ an den anderen. Hosen, Jackets, Westen, ganze Anzüge – westlich moderne mit Armani-Label, traditionelle indische Safaris-Suits, uni gedeckt, grellbunt gemustert. Das Ganze zu Preisen, zu denen man hierzulande vielleicht gerade mal eine Designer-Unterhose erwischt. Und der vom Verkäufer zunächst aufgerufene Preis ist dazu auch immer noch Verhandlungssache. Die Qualität scheint auf den ersten Blick ordentlich. Separat gibt’s das Etikett nach Wunsch: Giorgio Armani. Hugo Boss, Calvin Kein etc. die ganze denkbare und undenkbare Palette – der Straßenschneider nebenan näht die „Gütesiegel“ gleich ein, wenn verlangt auch gut sichtbar auf die Brusttasche.

Eine Bar, die mal Backstube war

Es ist inzwischen dunkel geworden, wir schlendern zum Hotel zurück. Auf das Abendessen verzichten wir heute, kein Hunger. Aber ein Bier wäre jetzt willkommen. Leider gibt es im Hotel weder ein Freiluftrestaurant noch eine Outdor-Bar. Dabei ist das Klima zu dieser Jahreszeit sehr angenehm, selbst tagsüber wird es kaum wärmer als 28 Grad Celsius und jetzt am Abend ist es fast schon kühl.

Im Hotel herrscht dagegen Eiseskälte – im Foyer, in der Teestube und auch im Restaurant. Wir versuchen unser Glück in Wilson’s, der zum Hotel gehörenden Bar im Nachbarhaus. Hier hat übrigens um 1840 die Geschichte des Great Eastern Hotels begonnen. Ein David Wilson betrieb zuvor eine Bäckerei und ein wohl bestücktes Kaufhaus und errichtete daneben das erste Luxushotel in Indien unter dem Namen Auckland Hotel. Die Bar ist jetzt in einem Teil der alten Bäckerei untergebracht, im vorderen Teil gibt es die Konditorei, deren Schmuckstück der riesige uralte Backofen ist. Der ist leider nur noch Dekoration und gibt keine Wärme mehr ab – auch in der Bar ist es sehr frostig. Nach einem teuren Bier gehen wir aufs Zimmer.

Hier wartet eine Nachricht auf mich. Ich soll morgen früh zum JW Marriott Hotel kommen. Dort findet ein Destination East Reisemarkt statt, auf dem Anbieter und Hotels aus dem Osten und Nordosten Indiens ausstellen. Ich hatte schon vor Monaten eine Einladung dazu bekommen, selbst der Flug nach Kolkata wäre für mich umsonst gewesen. Ich hatte aber abgelehnt, weil ich mich nicht abhängig machen wollte. Jetzt muss ich mich aber doch wenigstens zeigen, denn innerhalb weniger Stunden hat es sich herum gesprochen, dass ich sowieso in der Stadt bin. Das hat man davon, wenn man in den Kreisen indischer Touristiker bekannt ist, wie der sprichwörtliche bunte Hund.

Reisemesse im Festsaal

Am nächsten Morgen: Pünktlich um zehn meldet sich ein Fahrer. Er soll uns zum Ort des Geschehens bringen. Das erst vor wenigen Tagen eingeweihte JW Marriott Hotel ist genau die Art von Hotels, die ich nicht mag. Amerikanisch gesichtslos, architektonisch einfallslos, luxuriös charakterlos liegt es knapp 25 Kilometer (ca. 40 Autominuten) außerhalb der City in der östlichen Peripherie. Hier siedeln sich vor allem IT-Firmen in Wolkenkratzern an. Die brauchen wohl entsprechende Hotels. Schade, dass in Kolkata so viele tolle historische Gebäude vergammeln, die man gut sanieren und zu Bürohäusern umfunktionieren könnte. Schließlich wurde Kolkata im 19. Jahrhundert weltweit als „Stadt der Paläste“ gefeiert.

Die Reisemesse findet im kitschigen mit Goldornamenten überladenen Fest-Saal im Erdgeschoss des Hotels statt. Die Aussteller – Reiseveranstalter, Fluggesellschaften, Hotels – warten an kleinen Tischen auf Interessenten. Besucher, die auf Kosten der Veranstalter angereist sind, müssen bei allen Ausstellern vorsprechen und sich den Kontakt per Unterschrift auf der Ausstellerliste bestätigen lassen. Diese Prozedur darf zum Glück keiner von mir erwarten. Ich kann mir aussuchen, mit wem ich sprechen will. Ich treffe einige alte Bekannte, lasse mich über das ein oder andere Hotel oder Änderungen informieren. Allzu viel Neues ist für mich nicht dabei und nach knapp zwei Stunden verabschieden wir uns.

Große Wäsche und Snack auf der Straße

Zurück im Stadtzentrum locken uns wieder die engen Gassen in der unmittelbaren Umgebung unseres Hotels. Auch all das kennen wir seit Jahren, aber die Atmosphäre fasziniert mich immer wieder auf Neue. Konstanze sagt, das man es mir ansieht, wie wohl und glücklich ich mich hier fühle. Immer wieder bleiben wir stehen und beobachten Kleinigkeiten: Die Frau, die an einem sprudelnden Hydranten Kleider wäscht, die Obstverkäufer, die ihre Waren appetitlich am Straßenrand aufschichten, den Fotohändler, der vor seinem winzigen Laden eine uralte Filmkamera auseinander nimmt, die Schreiber, die auf ihrer uralten Schreibmaschine Briefe tippen und Formulare ausfüllen. Ein alter Mann ist offensichtlich auf die Erstellung von Liebesbriefen spezialisiert und präsentiert die entsprechenden Muster in einem kleinen Schaukasten. Dabei können die meisten seiner Kunden weder lesen noch schreiben.

Jetzt ist Zeit für einen Imbiss. An einem Stand beobachten wir die Herstellung von Egg-Rolls. Auf ein in die Pfanne geschlagenes Ei, wird ein dünner Fladen gelegt, mit Zwiebeln, Chili und frischem Gemüse bedeckt und zu einem handlichen Snack gerollt. In ein Stück Zeitung gewickelt, lässt sich das gut aus der Hand essen. Und schmeckt uns super. Preis: 20 Rupien, keine 35 Eurocent.

Erinnerungen an den „Tiger von Mysore“

Wir sind jetzt an der Tippu Sultan Moschee, dem schönstem islamischen Gotteshaus in Kolkata. Es wurde 1832 vom elften Sohn von Tippu Sultan zu Ehren seines Vaters errichtet. Tippu Sultan, der als „Tiger von Mysore“ in die Geschichte einging, lieferte sich mit Briten in Südindien drei blutige Kriege und bekämpfte auch erbittert hinduistische Machthaber im Süden des Subkontinents. Berühmt-berüchtigt wurde er, weil seine Armee erstmals eine Art von Raketen einsetzte.

Am 4. Mai 1799 wurde Tippu Sultan in einer Schlacht mit den Briten und deren indischen Verbündeten getötet. Kurz darauf wurde seine Familie nach Kolkata deportiert, wo die Engländer sie besser unter Kontrolle hatten.

Esplanade: Großes Kino und Fotokunst

Jetzt kommen wir zum Esplanade genannten Platz. Hier stehe etliche imposante Gebäude aus der Kolonialzeit, einige davon ganz ordentlich restauriert. In den Esplanade Mansion an der Ecke zur Nehru Road (früher Chowringhee Road) sind etliche traditionsreiche Firmen untergebracht, in der Metro Cinema Hall werden seit 1935 Filme vorgeführt. Gleich nebenan in dem jetzt heruntergekommenen vierstöckigen gothischen Gebäude, residierte noch bis vor kurzem eines der weltweit ältesten Fotostudios. Bourne & Shepherd wurde 1863 gegründet und wurde bis Juni 2016 betrieben. Bei einem Brand im Jahr 1981 wurden große Teile des Hauses zerstört und danach nur notdürftig renoviert.

Straßenbahn, Bus und U-Bahn

Esplanade ist einer der wichtigsten Knotenpunkte des öffentlichen Nahverkehrs in Kolkata. Hier befindet sich das zentrale Depot der örtlichen Straßenbahngesellschaft. Schon 1880 weihte Vizekönig Lord Ripon die erste Trambahnstrecke Indiens in Kolkata ein. Pferde zogen die schweren Wagen über die Schienen. Ein Versuch, Dampfloks einzusetzen, wurde schnell wieder aufgegeben.

Ende des 19. Jahrhunderts waren 1000 Zugpferde und 166 Straßenbahnwagen in Kolkata im Einsatz und 1902 nahm Asiens erste „Elektrische“ ihren Dienst auf. Ein kleines Museum an der Esplanade erinnert an die Geschichte. Doch auch viele Straßenbahnwagen, die heute bimmelt und auf quietschen Schienen durch die Stadt tuckern, sehen wie Museumstücke aus. Die Zugwagen sind an der Frontseite vergittert, so dass für den Fahrer nur ein kleines Sichtfenster bleibt.

Von der Esplanade starten auch viele Buslinien durch die Stadt. Die Schaffner hängen in den Türen und schreien den potentiellen Fahrgästen die Namen der Endstation zu. Dann gilt es schnell zu sein, denn die Fahrer starten sofort wieder oder stoppen erst gar. Wer mitfahren will legt einen Spurt hin und springt in den fahrende Bus. Mit etwas Glück wird er anderen Fahrgästen ins Innere gezogen. Der Schaffer zwängt sich dann, dicke Bündel von Kleingeld zwischen die Finger geklemmt, die Neuankömmling im vollgestopften Fahrgastraum zu identifizieren und abzukassieren. Schwerer noch als der Einstieg in den Bus, ist es, an der richtigen Haltestelle wieder auszusteigen. Als erkennbarer Fremde hat man da weniger Probleme. Hilfsbereite einheimische Mitreisende werfen sich gerne in die Bresche oder schieben nach.

Auch eine U-Bahnstation gibt es an der Esplanade. Die wollen wir morgen benutzen. Jetzt strolchen wir erstmal durch eine Gasse Richtung Hotel. Links und rechts sitzen ungezählte Menschen beim Essen, das direkt auf der Straße von kleinen Garküchen serviert wird.

Im Hotel wartet wieder eine Nachricht auf uns. Jaya Chitra erwartet uns spontan noch heute Abend, eigentlich seit einer Stunde.

Die Geschichte von Jaya Chitra ist ein Kapitel für sich

Als notorischer Facebook-Muffel beachte ich grundsätzliche keine Facebook-Nachrichten und reagiere auch nicht auf Freundschaftsanfragen. So kommt es, dass sich im Lauf der Zeit etlicher Datenmüll ansammelt. Als ich mich vor einiger Zeit daran machte, die verwaisten Dateien aus meinem System zu löschen, weckte unversehens eine über zwei Jahre alte Anfrage mein Interesse. Eine Jaya Chitra fragte, ob ich 1981 in Kolkata gewesen sei. Der Name sagte mir tatsächlich etwas, und 1981 hatte ich ja auf meiner ersten Indienreise auch Kolkata besucht. Bei einer Reportage über ein Hilfsprojekt der Deutschen Welthungerhilfe in einem Slum in der Millionenstadt, war meinen Kollegen und mir eine etwa 14-jährige aufgefallen, die uns selbstbewusst durch ihr Viertel lotste und wissen ließ, sie wolle möglichst viel lernen. Dieser Mut imponierte auch Bernd Dreesmann, seinerzeit Geschäftsführer der Welthungerhilfe und er sorgte dafür, dass dieses Mädchen besonders gefördert wurde.

1982 bei meinem ersten privaten Besuch zusammen mit Konstanze erfuhren wir von Jaya Chitra (so hieß das Mädchen), dass diese besondere Protektion bei den lokalen Betreiberinnen des Hilfsprojekt sauer aufgestoßen war, was nicht gerade hilfreich für die Kleine war. Immerhin hatte sie sich bis zum Schulabschluss durchgeboxt. Bei einem weiteren Besuch in Kolkata erfuhren wir, dass Jaya die Stadt mit unbekanntem Ziel verlassen hatte.

Umso erstaunter war ich über diese Facebook-Nachricht. Ich meldete mich zurück und versprach ein Treffen bei meinem nächsten Besuch in Kolkata.

Und das ist jetzt. Wir sollen Jaya Chitra im Haus Ihrer Mutter treffen. Das ist exakt in dem Bustee (Slum), in dem ich sie vor 36 Jahren zum ersten Mal getroffen habe. Inzwischen ist es fast dunkel geworden. Es wird schwierig werden, allein die Adresse zu finden. Immerhin wissen wir, dass das Slum ganz in der Nähe des Max-Mueller- Bhavans (Goethe-Institut) liegt. Wir brauchen ein Taxi. Als wir an der Rezeption darum bitten uns einen Wagen zu beschaffen ahnen wir nicht, was da in wenigen Minuten vorfährt: Eine Luxus-Limousine mit einem adrett uniformierten Fahrer. Ob das wirklich passt, um in einem Slum vorzufahren? Zu spät Einspruch zu erheben, es ist schon dunkel und wir sind spät dran.

Während der Fahrt ruft Jaya mehrfach mit dem Mobiltelefon an und lotst den Fahrer ungeduldig zum Treffpunkt. Nach einigen Umwegen erreichen wir das Ziel und steigen etwas unsicher aus. Fast sofort kommt eine Frau auf uns zugeschossen, geht vor uns in die Knie und berührt unsere Füße. Jaya – sie ist inzwischen auch schon 50, sieht aber deutlich älter aus. Der Kniefall ist ein Zeichen der Ehrerbietung, die wir uns erfolglos verbitten.

Dann führt uns Jaya zur Hütte ihrer Familie. Der verwinkelte enge aber saubere Asphaltweg durch die Hütten führt auf einen kleinen Platz, der von kleinen Ziegelhäuschen gesäumt wird. Nirgends liegt Abfall, es gibt etliche Wasserstellen und sogar allem Anschein nach auch saubere Gemeinschaftstoiletten. Offenbar ein Musterslum.

Jayas Mutter wohnt noch exakt in demselben Häuschen wie damals. Zwei Betten, eine paar Stühle Fernseher, eine Vitrine, an den Wänden die üblichen Götterbilder – und ein Foto, das Jaya mit der ZDF-Journalistin Helge Phillip zeigt, die bei meinem ersten Besuch in Kolkata auch dabei war. Die alte Frau begrüßt uns sehr herzlich. Das Gesicht der Mutter lässt erahnen, dass sie einst sehr hübsch war. Seit ein paar Jahren ist sie nicht mehr gesund, sie kann kaum stehen und gehen. Die Ursache sehen wir als sie uns Fuß und Bein zeigt: Elefantiasis, das Elefantenmann-Syndrom ist eine abnorme Vergrößerung eines Körperteils durch einen Lymphstau. Die Krankheit wird durch Infektionen ausgelöst und ist bis heute nicht behandelbar.

Mangelernährung begünstigt die Anfälligkeit für den Ausbruch der Infektion und verschlimmert den Verlauf der Krankheit. Ansteckend ist sie nicht. Jayas jüngerer Bruder kümmert sich rührend um die Mutter, er kann deshalb nur einen schlecht bezahlten Hilfsjob ausüben. Jaya selbst kann auch nicht allzu viel zum Lebensunterhalt der Familie beitragen.

Sie hat unterbrochen durch mehrere Krankheiten die Schule beendet und sogar studiert. Jetzt einen schlecht bezahlten Job als wissenschaftliche Leiterin bei Kidzee, einer Organisation, die Kindergärten in Kolkata betreibt. Sie ist mit einem kleine Angestellten verheiratet und die beiden leben zusammen mit dem inzwischen 21-jährige Sohn Ronak mehr schlecht als recht im Haus des Schwager im Stadtteil Ballygunge. Nach einem Glas Wasser und ein paar Keksen, die Jayas Bruder herbeizaubert, verabschieden wir uns von Mutter und Bruder. Jaya will uns noch zu ihrer Wohnung mitnehmen.

Das wird ein etwas abenteuerliches Unterfangen. Unser Taxifahrer, der draußen vor dem Slum auf uns gewartet hat, verzieht aber keine Miene, als Jaya ihm die Adresse nennt. Die erste halbe Stunde steuert er zielstrebig das entlegene Stadtviertel an, dann lotst Jaya ihn durch Straßen, die kaum breiter sind als sein Luxusschlitten, um Ecken, die so rechtwinklig abknicken, dass der Fahrer immer wieder zurücksetzen muss, um sie ohne Schramme zu bewältigen. Endlich sind wir am Ziel.

Uns ist schon lange mulmig bei dieser Fahrt. Wie soll unser Chauffeur hier je wieder allein herausfinden? Hinter einer Toreinfahrt öffnet sich ein kleiner, etwas vernachlässigter Hof, in dessen Mitte ein großer Frischwasser-Tank steht. Im Hintergrund sehen wir ein Klohäuschen. Die Wohnung selbst scheint recht groß zu sein: Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, eine Küche, in der eine junge Frau gerade Fladenbrot backt. Sogar Leute, die selbst nicht viel haben, leisten sich eine Zugehfrau fürs Grobe.

Die Wohnung ist eigentlich gut ausgestattet mit neuem Flachbild-Fernseher und Musikanlage. Aber Wände und Boden bestehen aus nacktem Putz. Das Haus gehört dem Bruder des Ehemanns, der aber nichts zum Erhalt beiträgt. Und Jaya und ihr Mann scheinen wenig Wert auf eine noch so kleine Verschönerung zu legen. Was Ihnen noch bleibt, wenn das Notwendigste bezahlt ist, wird alles in die Ausbildung des Sohnes Ronak gesteckt. Der studiert Informatik und hofft, dass er in einem Jahr Examen machen und einen gut bezahlten Job ergattern kann.

Wir packen unser Mitbringsel – vor allem Süßigkeiten – aus; Jaya hat, wie zu befürchten war, für uns Geschenke besorgt. Für mich eine Weste, für Konstanze ein Tuch. Es hat keinen Sinn, die Gaben abzulehnen, zumal sie bestimmt nicht billig waren. Das wäre eine Beleidigung.

Dann wird das Essen aufgetischt. Chapatis, die die Haushaltshilfe gerade gebacken hat und verschiedene Gemüse, die Ronak aus einer Garküche in der Nähe besorgt hat. Alles recht lecker. Dass unsere Gastgeber mit dem Hinweis, es sei noch für sie zu früh, nicht mitessen, kennen wir schon. Die Beendigung des Essens ist bei Einladungen in indische Familien oft das Signal zum Aufbruch. Wir verabschieden uns auch mit Rücksicht auf unseren Fahrer, der vor der schwierigen Aufgabe steht, aus dem Labyrinth herauszufinden. Wider Erwarten schafft er das problemlos und liefert uns kurz vor Mitternacht am Hotel ab.

Das Messer an der Kehle

Sonntagmorgen. Der Besuch beim Straßenfriseur nebenan steht an. Gestern war keine Zeit, jetzt muss es aber sein. Der „Behandlungsstuhl“ ist besetzt. Ob die Männer, die daneben herumstehen und diskutieren, wartende Kunden oder nur Zaungäste sind, ist mir nicht klar. Ich setze mich auf eine Palette und warte. Der Haarkünstler verzieht keine Miene und fährt sorgfältig mit seiner Arbeit fort. Als er mit dem Kunden fertig ist, bedeutet er mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen.

Mit Gesten mache ich ihm klar, was ich will: Haar ganz kurz, Bart trimmen, Hals und Wangen ausrasieren. Für eine Unterhaltung reichen unsere Sprachkenntnisse – mein Bengali, sein Englisch – nicht. Ich kann gerade noch seinen Namen herausbringen: Kanthan Thakur. In Nordindien ist Thakur ein Herrschertitel, hier in Bengalen ein gebräuchlicher Familienname und wird oft auch Tagore geschrieben.

Rabindranath Tagore, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt und damit der erste asiatische Nobelpreisträger war, war ein berühmter Träger dieses Namens. Der Versuch, mit meinem Friseur darüber zu diskutieren scheitert. Stattdessen konzentriert er sich auf meinen Schädel, kürzt mit der Schere das Haupthaar, bringt den Bart in Form und wetzt dann das Rasiermesser an einem Lederriemen. Dann darf ich den Kopf weit zurücklehnen, den Hals langmachen und er setzt an. Dies ist der Moment, in dem ich immer an die Thugs denken muss. Diese Sekte, Anhängern der Göttin Kali, versetzte im 18. und 19. Jahrhundert Reisende im Norden und Osten Indiens in Angst und Schrecken. Sie raubten sie aus und erwürgten sie mit Seidenschlingen oder schnitten Ihnen die Hälse durch.

So ein frisch geschliffenes Rasiermesser wäre dafür bestens geeignet, zumal wenn das Opfer so bereitwillig den Hals darbietet. Mein Freund Thakur nutzt die Situation aber nicht aus, sondern verrichtet sein Werk ganz bedächtig und feinfühlig, desinfiziert nach der Rasur die gereizte Gesichtshaut mit einem angefeuchtet Alaun-Stein, zaubert aus seinem Fundus sogar noch einen Rest After-Shave-Creme hervor und verabreicht mir schließlich noch eine wohltuende Kopf- und Rückenmassage. Geduldige hat der nächste Kunde fast eine Stunde gewartet bis er an der Reihe war.

Den Barbier zu fragen, was ich ihm schuldig sein, macht wenig Sinn. Er wird mit den Schultern zucken und allenfalls murmeln „as you like, Sir“. Von vielen früheren Besuchen weiß ich, dass ein Einheimischer bei Etablissements der mobilen Kategorie um die 30 Rupien zahlen würde. Ich rechne 100 Prozent Ausländerzuschlag drauf und drücke dem Meister 100 Rupien in die Hand. Er wird mich die nächsten Tagen besonders freundlich grüßen und mit Gesten eine Wiederholung der Behandlung vorschlagen. Aber so schnell wachsen meine Haare ja nicht.

Sonntags auf dem Maidan

Für heute haben wir uns einen Besuch des Maidans vorgenommen. Auf der riesigen Park- und Freifläche im Herzen von Kolkata ist vor allem sonntags ganz schön was los. Familien, Clubs, Gesellschaften pilgern in Scharen hierher zum Picknick, zu Kricket-, Hockey- und Fußball-Turnieren – ob organisiert oder spontan. Scharlatane und Wunderheiler preisen ihre Dienste an, religiöse Prediger und politische Agitatoren scharen ihre Jünger um sich. Gaukler, Tänzer und Musiker zeigen dort ihre Kunst.

Wir steigen an der Esplanade in die U-Bahn hinunter. Deren Anfänge haben wir in den frühen 80-er Jahren beobachtet. Horden von Kulis – Männer wie Frauen – schachteten die Tunnelröhre fast ausschließlich von Hand aus und schleppten den Aushub in großen Blechschalen auf dem Kopf nach oben. Wenn dann im Sommer der Monsun die Stadt flutete, floss der Schlamm wieder in den Tunnel. Die Bauarbeiten zogen sich deswegen über zwölf Jahre hin, irgendwann hatte die Sisyphusarbeit ein Ende und es wurde auch schweres Gerät beim Bau eingesetzt. So konnte erst 1984 das erste, 3,4 Kilometer lange Stück der U-Bahn zwischen den Stationen Esplanade und Bhowanipur in Betrieb genommen werden. Immerhin hatte Kolkata Indiens erste Metro, 11 Jahre vor Chennai und fast 28 Jahre vor der Hauptstadt Delhi.

Auf dieser ältesten Strecke wollen wir heute die zwei Haltestellen entfernte Station „Maidan“ ansteuern. Am Schalter erstehen wir die entsprechenden Plastik-Chips, die uns die Türen zur Unterwelt öffnen. Die ist topsauber, die Rolltreppen funktionieren, aber auf die nächste U-Bahn müssen wir fast 20 Minuten warten. Sonntags ist die Taktzeit ziemlich reduziert.

Die Züge sind entsprechend voll. Auf dem Hinweg schaffen wir es dennoch, noch Sitzplätze zu ergattern. Weil an der Station „Maidan“ viele Leute aussteigen, kommen wir auch gut raus. Mit uns ziehen Hunderte Richtung Victoria Memorial. Das Gebäude im indo-sarazenischen Stil wurde 1906, nach dem Tod von Victoria, der englischen Königin und Kaiserin von Indien, zu deren Ehren in Auftrag gegeben und 1921 eingeweiht. Heute beherbergt es als Museum rund 30 000 Ausstellungsstücke, vor allem aus der Kolonialzeit. eingeweiht.

Pferdekutschen in Silber und Gold

Wir wollen aber heute vor allem das bunte Treiben ringsum erleben. In der Straße vor dem Memorial warten in langen Reihen sogenannte „Victorians“ auf Fahrgäste. Das sind mit Silber- oder Goldblech verkleidete, manchmal mit bunten Glas- und Spiegelscherben verzierte Pferdekutschen. Sie scheinen heute nicht allzu begehrt sein. Jedenfalls stehen die meisten untätig herum. Die Pferde stehen an Heu oder Stroh knabbernd in der prallen Sonne, die Kutscher lungern derweil vor den zahlreichen Imbissbuden herum. Tierschützer streiten für ein Verbot Victorians und waren in anderen indischen Städten bereits erfolgreich mit ihrer Mission.

Einige Pferdehalter haben ihren meist nur ponygroßen Tieren Sättel aufgelegt und lassen Kinder aufsteigen. Dann führen sie das Pferd am Halfter und laufen nebenher selbst wenn das Tieren losgaloppiert. Wenn dann die Kleinen vor Angst heulen hat die zuschauende Familie ihren Spaß und der Pferdebursche kann der Raserei ein Ende machen und selbst Atem schöpfen.

Dazwischen beobachten wir, wie ein Pferd sich geduldig neue Hufeisen anpassen lässt und eine Stute ihr Fohlen säugt. Im Schatten einer Baumreihe werden Knabbereien und Erfrischungen verkauft und Picnic gemacht.

Motorrad-Freaks üben an einer Ecke des Parks waghalsige Stunts, an einer anderen lassen Halbwüchsige Drachen steigen. Cricket-Teams jeden Alters tragen auf der riesigen Grasfläche ihr Sonntagsmatch aus und schlagen ihre kleinen Bälle in alle Richtungen – Spaziergänger sind gut beraten auf den Hauptwegen zu bleiben.

Denkmal der Kaiserin Victoria

Die Sonne brennt gnadenlos und wir beschließen jetzt doch den Park um das Victoria Memorial aufzusuchen, haben aber den Eingang an der Vorderfront schon passiert. Die Vermutung, dass es auch noch Zugänge von der Seite gibt, erweist sich als falsch. Also latschen wir gut drei Kilometer bis wir an der Rückseite zum zweiten Eingang kommen und reihen uns in die Schlange der Wartenden ein.

Als wir kurz vor der Kasse angekommen sind, sprechen uns einige Mädchen an. Ob wir ihnen Tickets mitbringen können. Wird gemacht. Dann sind wir drin und strolchen über die Rasenflächen, ruhen uns unter Bäumen aus und beobachten, was sich ringsum so tut.

Uns fallen am Rand einer Lichtung Stoffbündel auf, unter denen sich etwas bewegt. Aus dem einem schälen sich plötzlich zwei menschliche Körper heraus – eine zerzaustes Mädchen und Junge mit verwegener Tolle. Sollte das im angeblich so prüden Indien eigentlich Undenkbar doch denkbar sein oder geht da eine schmutzige Phantasie mit uns durch? Auch aus anderen Stoffbündeln klettern noch Pärchen heraus, herzen und küssen sich und machen dabei Aufnahmen per Selfie-Stick. Kolkata ist halt doch eine internationale Großstadt.

Selfies zu machen scheint ohnehin geradezu eine Art Volkssport zu sein. Man schießt Fotos der Sehenswürdigkeiten. Aber diese bleiben im Hintergrund, man selbst bleibt die Hauptperson im Vordergrund. Ganze Mädchenhorden üben sich in Modellposen. Vier ältere Lehrerinnen vergessen für einen Moment die Zöglinge, erst muss das Selfie in die Kiste, dann gibt es noch ein kurzes Lächeln für das Gruppenbild.

Vor allem die Statue der Königin Victoria bildet einen beliebten Background. Die war aber auch eine ziemlich unattraktive um nicht zu sagen hässliche Schachtel. Es scheint als habe der Bildhauer keine Veranlassung gesehen, der edlen Dame zu schmeicheln. Großer Beliebtheit erfreut sie sich zu unserer Belustigung bei den Krähen. Die platzieren sich gern direkt auf ihrem Kopf und sich zu erleichtern. So ein Beschiss.

Es wird Abend und auf dem Rückweg haben wir rechte Probleme, in die U-Bahn zu kommen. Erst bei der zweiten gelingt uns der Einstieg und das auch nur, weil Mitreisende uns buchstäblich in den Waggon zerren.

Das Abendessen nehmen wir heute in einem kleinen chinesischen Restaurant gegenüber unseres Hotels ein. Kolkata hat eine große chinesische Bevölkerung, ganze Stadtviertel sind von Chinesen dominiert. Vielleicht schaffen wir es in den nächsten Tagen, uns dort mal umzusehen. Wenn nicht dann beim nächsten Mal. Wir wollen uns diesmal nicht auf ein festes Besichtigungsprogramm festlegen, sondern vielmehr treiben lassen.

BBD Bagh und Umgebung

Am nächsten Morgen zieht es uns in das Gebiet um den BBD Bagh, das Verwaltungszentrum im Stadtzentrum. Der Platz hieß früher Dalhousie Square nach dem einstigen General-Gouverneur von Britisch Indien. Der jetzige Name ehrt die drei indischen Freiheitskämpfer Benoy, Badal und Dinesh, die am 8. Dezember 1930 auf einem Balkon des Writers Buildings den für seine Brutaliäten berüchtigten Generalinspektor der Polizei und der britischen Gefängnisse in Indien erschossen.

Das Writers Building, einst den Schreibern der East Indian Company vorbehalten, war später Zentrum der Kolonialverwaltung und wurde nach der Unabhängigkeit Sitz der Regierung von Westbengalen. Zur Zeit sind viele Ministerien ausgelagert, weil das Gebäude von Grund auf saniert werden muss.

Die Besichtigung des Raj Bhavan, in dem heute der General Gouverneur von Westbengalen residiert und der indische Präsident bei seinen Besuchen in Kolkata untergebracht wird, schenken wir uns. Wer den prächtigen neoklassizistischen, von einem gepflegten Park umgebenen Palast besuchen will, muss zuvor mehrere streng bewachte Eingänge passieren. Wir begnügen uns mit einem Blick aus der Ferne und wundern uns nicht, dass Lord Wellesley, der 1799 das Bauwerk in Auftrag gab, von der englischen Krone abgerufen wurde und wegen Verschwendung angeklagt wurde. Spätere Vizekönige genossen dagegen ungeniert den für damalige Verhältnisse unermesslichen Luxus.

Nostalgietrip zur Hauptpost

Uns zieht es zum General Post Office. Der imposante Bau mit seiner gut 70 Meter hohen Kuppel und seinen korinthisch-ionischen Säulen ist für uns ein Erinnerungsort. 1982 auf unserer ersten gemeinsamen Reise haben wir hier buchstäblich Ballast abgeworfen. Wir hatten aus Unerfahrenheit die Rucksäcke mit viel zu viel unnötigem Kram vorgestopft – Kleidung, Bücher, Besteck, ja sogar ein Gaskocher war dabei.

Schon nach wenigen Tagen der Reise hatten wir damals festgestellt, dass man in Indien nicht viel Wäsche braucht. Selbst in den bescheidenen Unterkünften, die uns unser Budget erlaubte, konnte man für wenige Rupien schnell und gut Wäsche waschen und bügeln lassen. Wir hatten auch gemerkt, dass wir selbst auf langen Zugfahrten kaum zum Lesen kamen, weil die Unterhaltungen mit Mitreisenden meist spannender waren. Die über 1200 Seiten starke „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ von Eckhard Henscheid hatten wir ebenso wie anderen Lesestoff bereits dem Goethe-Institut in Kolkata vermacht, dafür aber indische Bücher gekauft. Da wir dieses „Übergewicht“ nicht weiter mit uns herumschleppen wollten, hatten wir zwei Pakete gepackt und mit unserer Heimatadresse versehen.

Die Abwicklung dieses Postauftrags erforderte damals einen ganzen Vormittag. Der Inhalt der Pakete musste in einer exakten Zollerklärung erfasst werden. Diese wiederum musste entsprechend abgeglichen und per Stempel freigegeben werden. Dann ging es zur Packstation, wo das Paket sorgfältig in Stoff gewickelt und zugenäht wurde. Ein anderer Spezialist kalligraphierte Adresse und Absender auf den Stoff. Ob es denn richtig sei, dass Name und Adresse von Absender und Empfänger identisch seien?

Schließlich wurden die Nähte mit Siegellack verschweißt und das Gewicht ermittelt. Endlich mussten wir in drei verschiedenen Büros die nötigen Briefmarken erstehen und den Einlieferungsschalter suchen. Dort wurden dann die Wertmarken mit triefendem Kleister auf den Stoff gebracht. Monate später konnten wir die Pakete am heimatlichen Zollamt abholen – alles war heil angekommen.

Von der einstigen Nerverei sind nur noch nostalgische Erinnerungen geblieben. Packtische und die Schneider gibt es nur noch vereinzelt, moderne Kurierdienste haben sie fast überflüssig gemacht. Aber es gibt ja noch genug Absonderliches zu sehen. Hier in der Nähe des Gerichts schieben sich jede Menge Herren und einige wenige Damen in Schwarz zwischen Fahrbahn, Verkaufsständen, Bürgersteig und parkenden Autos durch die Menschenmenge. Rechtsanwälte beraten Ihre Mandanten im Gehen, einige haben den Talar lässig über den Arm geworfen, andere sich gar nicht erst die Mühe gemacht, den Dienstumhang auszuziehen.

Stoßstange an Stoßstange

Reihen von Schreibern tippen immer noch auf klappernden Schreibmaschinen Eingaben und sonstige Dokumente. Dabei ist Indien längst im Computer-Zeitalter angekommen und IT-mäßig oft sogar weiter als wir. Und Kolkatta ist zwar nicht die Hochburg der indischen Software-Technologie aber immerhin ein wichtiger Standort.

Es ist Mittagszeit. Überall lassen sich Angestellte, Handwerker aber auch Juristen und Hausfrauen Kleinigkeiten oder auch üppige Mahlzeiten schmecken, die an jeder Ecke von mobilen Ständen, von mobilen Händlern und festen Restaurants angeboten werden.

Dass Kolkata inzwischen das Verkehrsproblem anderer indischer Großstädte hat, ist in diesem Viertel besonders spürbar. Die Auto parken millimeterdicht Stoßstange an Stoßstange – nicht vorstellbar wie die jemals wieder ausparken wollen. Für uns Fußgänger ist es fast unmöglich, die Straße zu überqueren. Das Wagnis gelingt aber nach einiger Beobachtung der Fahrbahnen.

Das schwarze Loch von Kolkata

Eigentlich wollen wir ja gar keine Monumente besichtigen, da stolpern wir unversehens in den Hof der St. Pauls Church. Hier soll ein Denkmal an das „schwarze Loch von Kolkata“ erinnern. Auch das Mausoleum von Job Charnock und die Grabstädten anderer früher Siedler befinden sich im Park um die Kirche. Im Innenraum des Gotteshauses ist eine Abendmahlszene des deutschen Malers Johan Joseph Zoffany bemerkenswert. Die Gesichter von Jesus und seinen Jüngern sind Porträts von Persönlichkeiten, die im Kolkata der 1780-er Jahre eine Rolle spielte. Das Gemälde wurde vor kurzem auch mit Mitteln des Goethe-Instituts vorbildlich restauriert.

Das „schwarze Loch von Kolkata“ spielt in der Geschichte der Stadt eine grausige Rolle. Es war das Gefängnis von Fort William, das die Engländer Ende des 17. Jahrhunderts an dieser Stelle errichtet hatten. 1757, nach einer Belagerung und Eroberung durch die bengalische Armee, ließ deren Befehlshaber 146 britische Kriegsgefangene über Nacht in das nur 4,30 x 5,50 Meter große Verließ sperren. Als die Tür morgens um sechs Uhr entriegelt wurde, lebten nur noch 23 Gefangene.

Der Händler Job Charnock, dessen Mausoleum im hinteren Teil des Gartens zu finden ist, galt lange als Gründer von Kolkata. Am 16. Mai 2002 verfügte jedoch der Oberste Gerichtshof von Kolkata, dass sein Name aus allen einschlägigen Berichten und Dokumenten über die Gründung der Stadt getilgt wurde. Begründung: Historiker hätten herausgefunden, dass es lange vor der Ankunft der Briten eine blühende Kultur und einen geschäftigen Handelsplatz hier gegeben habe.

Wie dem auch sei, die Gedenkstätte ist sehr gepflegt. Die Gebäude sind weiß getüncht, im Garten ohne Müllecken steht etwas abgelegen an der Mauer zur Straße ein Toilettenhaus, absolut sauber und mit fließendem Wasser. Die Benutzung ist kostenlos. Der Besuch lohnt schon allein aus diesem Grund.

Wir trotten weiter Richtung Fluss. Vorbei am repräsentativen Bankgebäude der Reserve Bank of India vor dem die Menschen Schlange stehen. Bewaffnete Wächter kontrollieren an den Eingängen.

Die wundersame Geldentwertung

Nach Angaben der indischen Regierung ist zwar der indische Geldmarkt wieder in Ordnung, aber die Menschen im Land trauen dem Frieden doch nicht so recht. Der Schock über die Nacht-und-Nebelaktion steckt vielen noch in die Knochen. Am 8. November 2016, vor wenigen Wochen also, hatte Premierminister Narenda Modi im Rahmen einer Fernsehansprache erklärt, dass Geldscheine mit Nominalwerten von 500 und 2000 Rupien ungültig seien. Ab sofort.

Angeblich sollte mit diesem Schritt Schwarzgeld aus dem Verkehr gezogen und die Korruption bekämpft werden. Umtausch sollte nur für einen kurzen Zeitraum möglich sein. Praktisch über Nacht war ein Großteil der indischen Währung wertlos. Banken hatten nicht genügend kleinere Bankscheine, über Wochen war die Ausgabe auf geringe Summen begrenzt. An Bankschaltern und Geldautomaten bildeten sich schier endlose Schlangen.

Ein stinklangweiliges Vergnügen.

Auch für das Wachpersonal. Ein paar Häuser weiter zum Beispiel döst vor einer Tür ein Alter in schmucker Uniform: Tiger Security Dog Sqad prangt auf dem Schild an seinem Hemd. Seine Wachsamkeit hält sich in Grenze. Selbst als Konstanze den Guten in aller Ruhe fotografiert schlummert er weiter.

Millenium Park mit Blick auf den Hooghly

Inzwischen haben wir auf unserem Bummel den Millenium Park erreicht. Er erstreckt sich auf einer Länge von zweieinhalb Kilometer am Ostufer des Hooghly, wie der Mündungsarm des Ganges hier heißt.

Der Eintritt zum 1999 eröffneten Park ist heute kostenlos. Auf Fellfühlung einer Meute von Straßenhunden wälzt sich ein abscheulich schmutziger Bursche in einer Ecke. Offensichtlich sturzbesoffen krault er sich im Schritt und präsentiert doch tatsächlich ein Zeugungsmonstrum von geradezu furchterregendem Kaliber ungeniert vorbeiflanierenden Pärchen. Alle sehen schnell zu, dass sie weiterkommen.

Im Park gibt es viele Bänke mit gutem Blick auf die berühmte Howrah-Brücke im Norden und Kolkatas geschäftigsten Fernbahnhof Howrah auf der anderen Seite des Flusses. Fähren verkehren im schnellen Takt zwischen verschiedenen Anlegern auf beiden Ufern. Die Brücke ist meist so stark frequentiert, dass man darauf nur langsam vorwärts kommt. Sie darf nur von leichten Fahrzeugen, vor allem Taxis und kleinen Bussen, sowie von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden, nachts auch von kleinen Lieferfahrzeugen. Dennoch überqueren täglich von bis zu 120 000 Autos und einer halben Million Fußgänger auf ihr den Fluss.

Nach einer kleinen Pause spazieren wir an der Promenade entlang die zweieinhalb Kilometer Richtung Brücke. Im Park wachen uniformierte Wächter darüber, dass niemand Abfall liegen lässt oder wegwirft. Die Toillettenanlagen scheint aber niemand je zu inspizieren, sie sind geschlossen. Gut dass wir die dringendsten Angelegenheiten schon an der St.Pauls Church erledigt haben.

Wo es blüht, duftet und stinkt

Am Ende des Parks beginnt die Strand Road und kurz darauf schon gleich Asiens größter Blumengroßmarkt. Der Mullick Ghat Markt erstreckt sich bis zur der Howrah-Brücke. Tausende von Blumenhändler bieten hier ihre Waren feil, meist duftende Blüten, die für die Zeremonien und Rituale in den zahlreichen Tempeln und häuslichen Andachtsräumen der Metropole gebraucht werden. Überall flechten Männer, Frauen, Kinder Gestecke und Kränze, fädeln Blüten und Grünzeug auf Ketten und Girlanden und schmeißen alles, was nicht gebraucht wird, achtlos zu Boden. So riecht es auch, nach Mist.

Straßenkehrer versuchen, den Abfall in Körben und auf Karren wegzuschaffen. Aber weil immer mehr Dreck anfällt als abgeschleppt werden kann, wächst der zertrampelte Mist auf den Wegen immer höher an.

Viele Händler haben sich direkt in ihren Buden Schlafplätze eingerichtet. Lastwagen bahnen sich hupend den Weg durch die Masse, Träger balancieren schwere Kisten und Körbe durch das Gewimmel. Überladene Motor- und Fahrräder werden durch kleinste Lücken bugsiert. Aber bei aller Hektik kommt nirgendwo auch nur die kleinste Aggressivität auf. Unsicher suchen wir unseren Weg, behindern dabei immer wieder den einen oder anderen, der sich im Gewusel selbstverständlich und vorausschauend bewegt. Und so mancher macht uns lächelnd den Weg frei, wenn wir irgendwie festzustecken drohen.

Am engsten wir es, als wir die Stufen zu Brücke hinauf stolpern. Auch hier helfen uns wieder Einheimische durch das Nadelöhr.

Endlich oben angekommen, können wir mit Blick auf den Trubel zu unseren Füßen erstmal entspannen. Richtung Mahatma Gandhi Road geht es weiter. Eigentlich wollen wir noch einen Zwischenstopp am Indian Coffee House in der College Street machen, merken aber auf einmal, dass wir doch schon recht fußlahm sind. Als wir am Abend die Strecken des heutigen Tages zusammenzählen, stellen wir fest, dass wir gut und gerne 15 Kilometer durch die Stadt gelatscht sind.

Ein alter Bekannter

Santimoy Bhattacharya kommt am Vormittag ins Hotel. Wir kennen Santi, wie er kurz genannt wird, seit vielen Jahren. Früher war er Geschichtslehrer, ist aber seit den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts ein gefragter Fremdenführer. Er war sogar der erste, der ausländischen Touristen seine Stadt zeigen konnte.

Er hat uns so manche Ecke in Kolkata und anderen Orten Westbengalens gezeigt. In vielen Jahren sind wir gute Freunde geworden. Inzwischen ist er 84 Jahre alt und nur noch selten aktiv. Er geht am Stock, kann wegen eines lädierten Knies nicht mehr Treppen steigen. Aber immer noch freut er sich, wenn er seine Liebe zur Heimat fremden Gästen näher bringen kann. Er mag uns, weil er weiß, dass wir seine Begeisterung für Kolkata teilen.

Wir frühstücken mit ihm in der Teestube des Hotels und merken immer wieder, wie beliebt und geachtet er auch bei seinen Landleuten ist. Der Manager des Hotels kommt vorbei, begrüßt ihn und bewundert seine mit Edelsteinen und Halbedelsteinen verzierten Ringe.. Auch Politiker unterschiedlichster Parteien, die gerade im Hotel tagen, sprechen ihn an.

Santis Sohn Sumit, den wir auch gut kennen, begleitet als Deutsch sprechender Reiseleiter viele Kreuzfahrten auf dem Brahmaputra und dem Hooghli. Zur Zeit ist er wieder mal für einige Wochen unterwegs.

Santi steckt uns, dass er das Treffen mit uns auch als Ausrede benutzt hat, der häuslichen Aufsicht zu entkommen. Er hat sich nämlich zum Missfallen seiner sich sorgenden Frau vorgenommen, die Feste von Kolkata mit der Video-Kamera zu dokumentieren. Einige Drehs konnte er noch nicht machen, weil seine Kamera einen Defekt hat. Den will er gleich bei einem Fotohändler in der Nachbarschaft beheben lassen.

Mutter Teresa und das übliche Einerlei

Wir haben uns vorgenommen, heute mal die Gegend um die Park Street, die moderne Einkaufstraße von Kolkata, unsicher zu machen. Vorbei am noblen Grand Oberoi Hotel und dem riesigen Indian Museum bummeln wir die einstige Chowringhee Road, die heute nach dem ersten indischen Premierminister Nehru Road heißt. Auch die Park Street hat offiziell heute einen anderen Namen: Mother Teresa Sarani.

Ich bin kein Fan der inzwischen heilig gesprochenen Nonne. Denn die Nobelpreisträgerin hat meiner Meinung nach viel dazu beigetragen, dass Kolkata einen so schlechten Ruf als Vorplatz der Hölle hat. Die fromme Verehrung lässt viele vergessen, dass unter dem Deckmäntelchen wahrscheinlich gut gemeinter Nächstenliebe auch dubiose Adoptionsgeschäfte gemacht werden. Auch die Zustände im Nirmal Hriday (Haus des reinen Herzens), dem Sterbehaus, das Mutter Teresa in der Nähe des Kali Tempels eingerichet hat, sind umstritten. Es gibt noch andere Hilfsorganisationen, die vorbildliche Arbeit ohne großes Tamtam leisten. Zum Beispiel die German Doctors, die seit Jahren Arme in den Slums der Millionenstadt kostenlos behandeln.

Nach dem Gewimmel in den anderen Straßen der Stadt kommt uns die Park Street gewöhnlich, um nicht zu sagen langweilig vor. Hotels, Autohändler, Modegeschäfte, Outlets internationaler Marken, wie McDonalds, KFC, Starbucks, Barista etc. – das übliche Einerlei eben.

Wo sind die Bettler?

Eine der wenigen Ausnahmen ist das legendäre „Flury’s“. 1927 als Tearoom von Einwanderern aus der Schweiz gegründet, erfreut sich das Etablissement seit fünf Generationen hoher Beliebtheit bei Einheimischen und Besuchern. Ein livrierter Türsteher regelt den Einlass und wir müssen eine Weile in der Schlange warten ehe er uns einen Platz in dem Art Deco-Saal anweist. Wir begnügen uns mit Kaffee und je einer Portion hausgemachten Kuchens und beschließen, den Rückweg Richtung New Market anzutreten. Noch einmal schlendern wir durch enge Gassen, beobachten wie an einer Umlade-Station der von Müllfahrzeugen herangeschaffte Abfall von Hand getrennt wird, lassen den New Market links liegen und gehen zum Hotel zurück.

Ein Bettler spricht uns an. Erst jetzt fällt uns auf, dass es das erste Mal ist in diesen fünf Tagen, dass wir mit Bettelei konfrontiert werden. Das war früher doch ganz anderes. Damals streckten einem auf Schritt und Tritt schrecklich Verstümmelte Arm- oder Beinstümpfe entgegen, verstellten einem den Weg mit ihren Rollbrettern, bewegten sich mit bizarren Verrenkungen vorwärts. Wir konstatieren, in Kolkata heute weniger Bettler gesehen zu haben als in einer deutschen Innenstadt.

Wir überlegen, was sich sonst noch verbessert hat und atmen buchstäblich auf. Die Luft. Aus dem öffentlichen Nahverkehr sind Dieselfahrzeug und stinkende Benziner verbannt, Autogas ist die erlaubte Alternative. Mindestens ebenso wirksam ist der Umstieg auf Gas im Haushalt und auf der Straße. Früher lag über dem ganzen Stadtgebiet eine schwefelschwere Dunstglocke aus dem Rauch ungezählter Kohleöfchen und Kuhfladen-Feuerchen, auf denen direkt auf der Straße gekocht wurde. Diese Luftverpester sind jetzt weitgehend verbannt.

Am späten Nachmittag testen wir kurz den Hotelpool und folgen am Abend der Einladung der Hotelleitung zum Abendessen. Ich bin eigentlich kein Freund solcher Pflichttermine, weil sie meist mit langweiligem Smalltalk einhergehen. Aber heute können wir uns nicht mehr drücken, es ist schließlich unser letzter Abend in Kolkata. Es wird aber halb so schlimm. Unser Gastgeber entpuppt sich als witziger und geistreicher Junior-Manager, der erst kürzlich aus Bombay hierher versetzt wurde und sich von uns erzählen lässt, was wie in diesen Tagen so alles erlebt haben.

Abschied mit Glückgöttin Laxmi

Am nächsten Morgen auf dem Weg zum Flughafen, sehen wir an vielen Straßenecken temporäre Tempel zu Ehren der Glücksgöttin Laxmi. Die zum Teil über zwei Meter hohen, bunt bemalten und mit reichlich Gold dekorierten Standbilder der Gottheit wurden in den letzten Tagen im Viertel Kumar Tuli hergestellt. Heute Abend werden sie in Prozessionen zum Fluss getragen und dort in den Fluten versenkt. Dieses Schauspiel werden wir leider verpassen. Aber dieses soll ja nicht unser letzter Besuch in Kolkata gewesen sein. Denn zumindest für mich ist dieser Ort immer wieder meine „Stadt der Freude“.

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