Das erste Mal: wie meine indische Liebesgeschichte begann

Pass und Visum von meiner ersten Indienreise im Jahr 1981

Am 15. August 1947 wurde Indien unabhängig.  116 Tage später, am 8. Dezember 1947, wurde ich in Weisenheim am Sand geboren. Die epochal bedeutsame Geburtsstunde einer Nation und zugleich größten Demokratie der Welt hat mit der unspektakulären Niederkunft in einem vorderpfälzischen Obst- und Weinbauerndorf nichts gemein. Allenfalls den  Jahrgang. Dabei blieb es fast 34 Jahre. Bis ich im November 1981 zum ersten Mal indischen Boden betrat. Wenige Stunden später war mir klar: dieses Land würde mich nie mehr loslassen.

Dabei hatte ich bis dahin mit Indien partout nichts am Hut gehabt. Kein Interesse an esoterischen Experimenten, keine Lust auf halluzinogene Kräuter, kein Ohr für Ragas, kein Appetit auf Currywurst, die mir ein angeblicher Kenner als zeitgemäßes indisches Nationalgericht angepriesen hatte. Dafür geisterten jede Menge Vorurteile in meinem Kopf und ich fürchtete mich vor der Begegnung mit Not, Elend, öffentlichem Tod, Schmutz, Krankheit, Ungeziefer und Seuchen.

Nur ein einziges Mal zuvor hatte ich bewusst Kontakt mit einem Menschen aus Indien. Es muss 1974 oder 1975 gewesen sein. Als Berichterstatter  bei einem Folkfestival in Witten in den  überlangen  Umbaupausen drehte ich damals gelangweilt Runde um Runde um das Festival-Gelände. Immer wieder traf ich dabei auf einen kleinen, dunkelhäutigen Mann, den diese permanenten Begegnungen offensichtlich ebenso irritierten wie mich. Irgendwann machte er mich aggressiv an: wieso ich ihn verfolge, was ich von ihm wolle, ob ich etwas gegen Inder hätte? Dass unsere Aufeinander-Treffen zufällig waren, wollte er nicht glauben. Verstört hatte ich damals meine Wanderungen eingestellt.

Der Anstoß zu meiner ersten Reise nach Indien kam später von außen. Als Journalist einer großen Tageszeitung hatte ich mich bis dahin auf andere Themen spezialisiert: historische Portraits, Jazz, kulinarisches, Wein, Süd- und Mittelamerika. Eine Dienstreise nach Indien lockte eigentlich nur deshalb, weil sie die Chance bot, vier Wochen dem Redaktionsalltag zu entgehen.

Eine Reportage über die Arbeit einer großen deutschen Entwicklungshilfe-Organisation (Welthungerhilfe) in Indien sollte ich abliefern. Am Ende hatte ich fünf ausführliche Berichte zum Druck gegeben und fühlte mich als absoluter Indienkenner.

Dabei war ich seinerzeit eher Fan als Kenner. Da ist eigentlich bis heute so geblieben. Auch nach inzwischen an die achtzig weiteren Reisen nach Indien, fasziniert mich dieses Land. Bei jeder Reise entdecke ich Neues und glaube, manches zu verstehen. Es tun sich aber immer alte und neue Rätsel auf. Je mehr ich erfahre, desto klarer wird mir, dass kein Nichtinder dieses Indien je ganz begreifen wird. Die Neugier bleibt, die Neugier ist unstillbar. Fan bin ich aber immer noch. Gerade deshalb rege ich mich mehr und mehr über gesellschaftliche Miss-Stände und politische Machenschaften auf dem Subkontinent auf.

Trotz allem wird Indien auch jetzt im Ruhestand mein bevorzugtes Ziel weiterer Reisen bleiben. Ich hoffe, dass es mir gelingt, Erlebnisse jetzt viel unvoreingenommener zu genießen, ohne an eine touristische Verwertung zu denken. Anfang 2018 will ich zum ersten Mal selbst eine Reise mit einem der berühmten Luxuszüge unternehmen. Einschlägige Einladungen zu solchen Luxustouren habe ich bisher stets abgelehnt,  weil ich mich etwaigen Sponsoren nicht verpflichten wollte.

Nach der Zugfahrt lasse ich mich  auf eine richtig lange Ayurveda-Kur ein, für die mir bisher die Zeit fehlte. Von beiden  Erfahrungen werde ich bestimmt in meinem Blog erzählen. Und noch von manch anderem, was uns 70-jährige – Indien und mich – verbindet.

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Aufschlagseite einer unserer ersten Indien-Reportagen in den frühen1990-ern

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